#1 Jakob Böhme, kurze Vita, seine Wirkungsstätte, seine Erleuchtung von W.L. 15.08.2016 19:43





Jakob Böhme ist einer der einflussreichsten Mystiker der europäischen Geschichte, jedoch ist er bis heute weitgehend unbekannt geblieben. Seine Texte, beeinflussten die bedeutendsten Geistesgrößen Europas.

Die weitreichende Wirkungsgeschichte Jakob Böhmes ist auf der folgenden Seite übersichtlich dargestellt:
Aus Görlitz:
Wissen, Notizen und Nachrichten zu

Jacob Böhme
dem großen Denker
und
kindlichen Frager.


Böhmes Gottesbegriff und seine sieben Qualitäten (Alchemie der modernen Physik)

Jakob Böhme wurde 1575 zu Alt Seidenberg in der Oberlausitz geboren. Die Eltern besaßen einen Bauernhof, doch das Kind wurde für zu kränkelnd und sensibel befunden, um auf einem Acker zu arbeiten und so wurde Jakob in die Lehre bei einem Schuster gegeben. Im Jahr 1599 erhielt Böhme die Bürgerrechte des nahe gelegenen Ortes Görlitz. Im selben Jahr heiratete der Schustergeselle und kauft ein Haus bei der ehemaligen Rabengasse, heute die Dasznskkiego-Straße 12, dem polinschen Teil von Görlitz.

Im Jahr 1600, im Alter von 25, ereilt den Schustergesellen, beim Betrachten eines Zinnkruges eine Erleuchtung, welche er zwölf Jahre später in einem ersten Werk, das später Aurora genannt wurde, niederschreibt. Der ursprüngliche Titel lautete: "Morgenröte im Aufgang, das ist die Wurzel oder Mutter der Philosophieae, Astrologieae und Theologieae aus rechtem Grunde, oder Beschreibung der Natur, wie alles gewesen und im Anfang worden ist"
Böhmes "Aurora" ist von ihm selbst als Tagebuch angelegt und wurde in den ersten Jahren durch Abschriften verbreitet. Als eine Abschrift in die Hände des Görlitzer Pfarrers geriet, wurde das Werk per Predigt verurteilt, der Autor vor den Rat der Stadt geladen, eine Haussuchung durchgeführt und Schreibverbot erlassen. Da sich der Görlitzer Pfarrer nicht an die Abmachung hielt, Böhme nicht mehr zu denunzieren, gab der Philosoph dem drängen seiner Freunde nach und brach 1618 das vereinbarte Schreibverbot. Es entstanden eine Reihe von bedeutenden Schriften, die letzte nannte sich: "De Signatura Rerum".
1624 verstarb Jakob Böhme.

Eine vollständige Liste der Werke: jacob-boehme.org/werke
Aurora, das erste Werk Böhmes gibt es online bei: 12koerbe.de/aurora
Böhme erschließt sich leichter, wenn man über astrologische Grundkenntnisse verfügt, das zeigt die folgende Grafik
werke.jacob-boehme.org/clavis
-> Böhmes Gottesbegriff und seine sieben Qualitäten (Alchemie der modernen Physik)



Tafel über dem Haus in der ehemaligen Rabengasse, heute die Dasznskkiego-Straße 12,
in dem Böhme während seiner wichtigsten Jahre lebte und arbeitete.



Der Raum, in dem Böhme arbeitete, heute das Böhmemuseum, Dasznskkiego-Straße 12, Görlitz. Man erreicht das Museum über die Fußgängerbrücke und biegt dann nach rechts ab in die Dasznskkiego-Straße. Neben dem Museum befindet sich ein kleines Büro, in welchem man seinen Besuch anzumelden hat. Dort kann man für drei Euro eine kleine Schrift erwerben, in der Polnisch und Deutsch, leben und Wirken des Schusterphilosophen zusammengefasst ist.
Waldemar Bena, Auf den Spuren Jakob Böhmes, Zgorzelec, 2012; ISBN 83-89863-50-2
Eine weitere Schrift über Böhme stammt von Gerhard Wehr:
https://www.amazon.de/B%C3%B6hme-Jakob-G...r/dp/3499501791



Zinnkrug, bei dessen Anblick Böhme sein erstes Erleuchtungserlebnis hatte.


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Görlitz heute,
ein Abstecher in die Stadt
in der Böhme lebte und arbeitete
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Prächtige Sonnenuhr mit Angabe der Temporalstunden über der Ratsapotheke in Görlitz



Altstadtflair in Görlitz.



Blick von der polnischen Seite auf die St. Peter und Paul Kirche in Görlitz

Görlitz ist heute eine Stadt mit vielen Gesichtern. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich alle Baustile verewigt. Es gibt viele Plätze und Straßen mir zahlreichen Cafés, Gaststätten, Restaurants, mit vorwiegend heimischer Küche von guter Qualität und einer interessanten Atmosphäre. Es gibt viele Antiquariate und Läden mit Kunst aus der Region bestückt. Die Stadt lässt sich nicht auf den ersten Blick erobern, sie ist im ersten Anlauf ein wenig abweisend und schwermütig. Will man am Abend essen gehen, sollte man reservieren, oder hartnäckig suchen und sich durch Absagen nicht frustrieren lassen. Die meisten Lokale sind voll besetzt, wobei die Stadt im Ganzen eher leer wirkt. Erst nach und nach erschließt sich diese Stadt mit den vielen Gesichtern. Es wird an allen Ecken und Enden renoviert und saniert.

"Regisseure schätzen Görlitz als Filmkulisse"

Nun ja, da gäbe es einige Städte in Deutschland, die wesentlich mehr zu bieten hätten. Görlitz, da bin ich mir ganz sicher, wird nie ein Mekka der Reichen und Schönen werden.

Sowohl in den Antiquariaten, wie auch am Friedhof, der eine kleine Böhmeausstellung bietet, und auch auf der polnischen Seite, wo das Böhmemuseum steht, ist der Philosoph mit der Lilie heute in Görlitz bekannt. Auf dem Friedhof erfuhr ich, dass wesentlich mehr Kenner Böhmes aus dem Ausland als aus Deutschland nach Görlitz kämen.

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Das Erleuchtungserlebnis Jakob Böhmes

Niedergelegt, 1612 in Aurora, Kap. 19,

...

7. Dazu betrachtete ich das kleine Fünklein des Menschen, was er doch gegen diesem großen Werke Himmels und Erden vor Gott möchte geachtet sein.

8. Weil ich aber befand, daß in allen Dingen Böses und Gutes war, in den Elementen sowohl als in den Kreaturen, und daß es in dieser Welt dem Gottlosen so wohl ginge als den Frommen, auch daß die barbarischen Völker die besten Länder innen hätten und daß ihnen das Glücke noch wohl mehr beistünde als den Frommen.

9. Ward ich derowegen ganz melancholisch und hoch betrübet, und konnte mich keine Schrift trösten, welche mir doch fast wohl bekannt war; dabei dann gewißlich der Teufel nicht wird gefeiert haben, welcher mir dann oft heidnische Gedanken einbleuete, derer ich allhie verschweigen will.

10. Als sich aber in solcher Trübsal mein Geist denn ich wenig und nichts verstund, was er war, ernstlich in Gott erhub als mit einem großen Sturme, und mein ganz Herz und Gemüte samt allen andern Gedanken und Willen sich alles darein schloß, ohne Nachlassen, mit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu ringen, und nicht nachzulassen, er segenete mich denn, das ist: er erleuchtete mich denn mit seinem Hl. Geiste, damit ich seinen Willen möchte verstehen und meiner Traurigkeit los werden; so brach der Geist durch.

11. Als ich aber in meinem angesetzten Eifer also hart wider Gott und aller Höllen Porten stürmete, als wären meiner Kräften noch mehr vorhanden, in willens, das Leben daran zu setzen welches freilich nicht mein Vermögen wäre gewesen ohne des Geistes Gottes Beistand alsbald nach etlichen harten Stürmen ist mein Geist durch der Höllen Porten durchgebrochen bis in die innerste Geburt der Gottheit und allda mit Liebe umfangen worden, wie ein Bräutigam seine liebe Braut umfähet.

12. Was aber für ein Triumphieren im Geiste gewesen, kann ich nicht schreiben oder reden. Es läßt sich auch mit nichts vergleichen als nur mit dem, wo mitten im Tode das Leben geboren wird, und vergleicht sich der Auferstehung von den Toten.

13. In diesem Lichte hat mein Geist alsbald durch alles gesehen und an allen Kreaturen, sowohl an Kraut und Gras, Gott erkannt, wer der sei und wie der sei und was sein Wille sei. Auch so ist alsbald in diesem Lichte mein Willen gewachsen, mit großem Trieb das Wesen Gottes zu beschreiben.

14. Weil ich aber nicht alsbald die tiefsten Geburten Gottes in ihrem Wesen konnte fassen und in meiner Vernunft begreifen, so hat sichs wohl zwölf Jahr verzogen, ehe mir ist der rechte Verstand gegeben worden, und ist gangen wie mit einem jungen Baume, den man in die Erde pflanzet; der ist erstlich jung und zart und hat ein freundlich Ansehen, sonderlich wenn er sich zum Gewächse wohl anlässet. Er trägt aber nicht alsbald Früchte, und ob er gleich blühet, so fallen sie doch ab. Es gehet auch mancher kalte Wind, Frost und Schnee darüber, ehe er erwächst und Frucht träget.

15. Also ists diesem Geiste auch gangen: Das erste Feuer war nur ein Samen, aber nicht ein immer beharrlich Licht. Es ist seit der Zeit mancher kalte Wind drüber gangen, aber der Wille ist nie verloschen.

16. Es hat sich dieser Baum auch oft versucht, ob er möchte Früchte tragen und sich mit Blühen erzeiget, aber die Blüte ist von dem Baume abgeschlagen worden bis auf dato. Da stehet er in seiner ersten Frucht im Gewächse.

17. Von diesem Lichte habe ich nun meine Erkenntnis, dazu meinen Willen und Trieb, und will diese Erkenntnis nach meinen Gaben schreiben und es Gott walten lassen, und sollte ich gleich hiemit erzürnen die Welt, den Teufel und aller Höllen Porten, und will zusehen, was Gott damit meinet. Denn seinen Fürsatz bin ich viel zu schwach zu erkennen, obgleich der Geist etliche Dinge, die zukünftig sind, im Lichte zu erkennen gibt. So bin ich doch dem äußerlichen Menschen nach viel zu schwach, solches zu begreifen.

18. Aber der animalische[Lat. Anima, Seele] Geist, welcher mit Gott inqualieret, der begreifts wohl, der tierische Leib aber krieget nur einen Blick davon, gleich als wenn es wetterleuchtet. Denn also stellet sich die innerste Geburt der Seelen, wenn sie durch die äußerste Geburt in Erhebung des Hl. Geistes durch die Porten der Höllen reißet. Aber die äußerste Geburt tut sich bald wieder zu, denn der Zorn Gottes verriegelt die feste und hält sie in seiner Macht gefangen.

19. Alsdann ist die Erkenntnis des äußersten Menschen dahin und gehet in seiner trübseligen und ängstlichen Geburt um wie ein schwanger Weib, der die Wehe ankommt, und wollte immer gerne gebären, und kann doch nicht und ängstet sich immerdar.

20. Also gehets dem tierischen Leibe auch: Wenn er einmal hat die Süßigkeit Gottes geschmecket, so hungert und dürstet ihn immerdar danach, aber der Teufel in Kraft des Zorns Gottes wehret sich trefflich, und muß ein Mensch in solchem Laufe nur immer in ängstlicher Geburt stehen, und ist nichts denn Kämpfen und Fechten in seinen Geburten.

21. Dieses habe ich nicht mir zum Lobe geschrieben, sondern dem Leser zum Trost, ob ihn vielleicht lüsterte, auf meinem schmalen Stege mit mir zu wandern, daß er darum nicht bald verzweifele, wenn ihm die Porten der Höllen und des Zorns Gottes begegnen und unter Augen stoßen.





Das Grab Jakob Böhmes, ursprünglich ein hölzernes Kreuz,
(Siehe dort Christentum, Judentum und Kabbala)
von zwei adeligen Freunden gestiftet, später von Fanatikern verwüstet,
1869 erneut als Grabstein von der Oberlausnitzschen Gesellschaft der Wissenschaften gestiftet, http://www.jacob-boehme.org/index.php
Der Stein im Vordergrund wurde 1922 von zwei Amerikanern gestiftet,
Miss Contryman und Mr. Richard A. Beale.
Auf dieser Grabplatte befindet sich eine Gravur des Frontispitz aus "Vierzig Fragen von der Seelen"
"R S", ist ein Hinweis auf sein letztes Werk "De Signatura Rerum", von 1622.

Artikel im Deutschlandfunk :"Der Himmel ist überall, auch in dir selber"
Der Mystiker und Philosoph Jakob Böhme

#2 RE: Jakob Böhme, kurze Vita, seine Wirkungsstätte, seine Erleuchtung von W.L. 23.11.2017 15:19

Böhme-Ausstellung im Residenzschloss Dresden


Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme, Ausstellung im Residenzschloss in Dresden. 26.08.2017—19.11.2017




Das Originalmanuskript des 1612 von Böhme verfassten Hauptwerks "Aurora, Morgenröte im Aufgang"




Ein Streifzug durch die Ausstellung
https://www.youtube.com/watch?time_continue=9&v=r610Bp-H36E

#3 RE: Jakob Böhme, kurze Vita, seine Wirkungsstätte, seine Erleuchtung von W.L. 23.11.2017 20:55

Ein Film von Jürgen Hoppmann
mit freundlicher Unterstützung von
Birgit Beltle, Ideenfluss e.V.
Teile 1 bis 4



Die Erläuterungen in Teil 1 des Films muten recht leutselig an, sind jedoch von breiter philosophischer Kenntnis getragen und Ergebnis reiflicher Überlegung.
Das Bild vom "Einatmen und Ausatmen" ist nicht trivial. Ramana Maharishi rät als Vorbereitung zur Meditation verlangsamtes Atmen, denn mit dem Atem gehen die Gedanken. Bei äußerster Konzentration steht der Atem. Umgekehrt hilft verlangsamtes, bewusstes und tiefes Atmen, die Gedanken zu sammeln. Von daher ist die Yogatradition des "Prana Yama", wörtlich "Tod des Atems" zu verstehen.

Jakob Böhme, Mysterium Pansophicum
Der erste Text
Der Ungrund ist ein ewig Nichts und macht aber einen ewigen Anfang als eine Sucht [*ein Suchen und Streben]. Denn das Nichts ist eine Sucht nach Etwas ...“

[*Anmerkungen in Gerhard Wehrs Ausgabe Mysterium Pansophicum. Theosophisch-pansophische Schriften

Befände ich mich in einem leeren Raum "Nichts" in dem ein Lichtpunkt "Etwas" zu sehen ist, so wäre das noch nicht die Situation, von der Böhme spricht.



Es sind noch immer drei Faktoren da. Ich, der leere Raum und der Punkt, die Erkenntnis. Wie denke ich mich selbst dabei weg?



"Erkenntnis ist nur durch Vergleichen möglich" (Kant). Es muss also davon ausgegangen werden, dass Erkenntnis der Einheit nicht möglich ist.

Wenn aber das Sein der Erkenntnis erst Wirklichkeit verleiht, so ist nicht die Erkenntnis das, was die Wirklichkeit ausmacht, sondern das Sein.

Das ist der Kern von Advaita Vedanta.

Nun kann man davon ausgehen, dass Wirklichkeit in ihrem höchsten Aspekt zwar nicht erkennbar, jedoch realisierbar sein muss.
Daher darf ich nun Situationen beschreiben, die sich der Erkenntnis entziehen würden. Sie sind jedoch realisierbar.

Nähere ich mich dem leuchtenden Punkt und verschmelze damit, so sind zwei Optionen realisierbar.
- Das absolute Sein, welches alles ist (Advaita, "Nicht Zweiheit").
- Das absolute Nichtsein, Leerheit (Shunyata).
Beide spricht Böhme in dem o.a. Text an.

"Der Ungrund ist ein ewig Nichts und macht aber einen ewigen Anfang als eine Sucht [*ein Suchen und Streben]. Denn das Nichts ist eine Sucht nach Etwas ..."

Das Nichts ist also nicht Negation, sondern letzte Ursache, bei Böhme "Ungrund" und Magnet, wie etwa ein Grenzwert, der nicht erreichbar, aber durch Iteration angestrebt wird. Das Denken iteriert sich gegen diesen "Ungrund" in dem es ständig nach weiteren Ursachen fragt und nie zu einem Ende finden kann. Das "Suchen und Streben" ist ein "Nichts", wie auch das Wünschen ein Nichts ist, denn Wünschen besteht darin, etwas zu wollen, was nicht da ist. Insofern ist der Mensch ein natürliches Abbild der Gottheit.

Jakob Böhme Mysterium Pansophicum
„Der erste Text
Der Ungrund ist ein ewig Nichts, und machet aber einen ewigen Anfang als eine Sucht.[8] Der Ungrund ist ein ewig Nichts. Und da doch ein Nichts ist, das etwas gebe; sondern die Sucht ist selber das Geben dessen, das doch auch ein Nichts ist, als bloß eine begehrende Sucht. Und das ist der ewige Urstand der Magiae [9], welche in sich macht, da nichts ist. Sie machet aus Nichts Etwas, und das nur in sich selber. Und da doch dieselbe Sucht auch ein Nichts ist als nur bloß Wille. Er hat Nichts und ist auch Nichts, das ihm etwas gebe, und hat auch keine Stätte, da er sich finde oder hinlege.“
Anm.
8 ein Suchen und Streben
9 Geheimzustand der Wirklichkeit bzw. der Natur.






Viele großen Mystiker sprechen von der "Leerheit", "Stille", und anderen Negationsmetaphern.

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