#1 Johann Gottlieb Fichte, Philosoph des Advaita von W.L. 30.01.2017 11:49

Fichte steht in der Reihe abendländischer Philosophen als einziger Philosoph auf der Höhe der Advaita-Vedanta Philosophie. Philosophen vor und nach ihm haben Teile dieser Philosophie entwickelt, jedoch nicht die Ausprägung in Gänze erreicht.
Siehe auch:
Die Mândûkya-Upanishad des Atharvaveda und der OM-Laut
Abschnitt: Der Traum, wie auch der Wachzustand ist nur Vorstellung. Advaita Vedanta und J.G. Fichtes Philosophie

Bestätigung fand ich nun in meiner Einschätzung, dass Johann Gottlieb Fichte eine völlig eigenständige Variante der Advaita Vedanta Philosophie entwickelt hatte, u.a. in Leta Jane Lewis Abhandlung: Fichte and Śaṃkara

Die Autorin nimmt an, dass Fichte völlig eigenständig zu gleichen Ergebnissen gekommen ist.
… Fichte konnte kein Sanskrit und es gab keine Übersetzungen von Samkaras Texten …
https://www.jstor.org/stable/1396814?seq...an_tab_contents

Ganz auszuschließen ist eine Kontaktaufnahme mit der indischen Advaita Lehre jedoch nicht, denn Fichte kannte Schelling und dessen Vater war Orientalist. Jedenfalls ist in Fichtes Texten keine Erwähnung indischer Autoren überliefert und dennoch haben beide Philosophien identische Aussagen was im Aufsatz „Fichte and the doctrin of Advaita“ von Rudolf Otto aufgezeigt wurde. Auch Autoren wie Sarvepalli Radhakrishnan, Surendranath Dasgupta, P.T. Raju, Helmuth Glasenapp wurden inspiriert durch die Ähnlichkeiten zwischen beiden Philosophien.
Siehe dort: https://www.jstor.org/stable/1396814?seq...an_tab_contents

The experience of Eckhart is repeated in an astonishing way in the nineteenth century in the speculation of Johann Gottlieb Fichte.
Mysticism East and West: A Comparative Analysis of the Nature of Mysticism
Rudolf Otto
Siehe dort: https://books.google.de/books?id=9eQ3DQA...0fichte&f=false

Allgemeine Grundzüge der Advaita Philosophie

Sowohl in Advaita-Vedanta, als auch in Fichtes Philosophie, existiert die objektive äußere Welt nicht ohne ein Subjekt, das diese Welt wahrnimmt. Beide sind untrennbar und ohneeinander nicht zu denken. Die Frage nach einer realen unabhängigen Existenz äußerer Objekte, ohne ein Ich, das diese wahrnimmt, wird verneint.

jedes Object kommt zum Bewusstseyn lediglich unter der Bedingung, dass ich auch meiner selbst, des bewusstseyenden Subjects mir bewusst sey
Johann Gottlieb Fichte, Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre

Wenn das Ich sich selbst in seiner absoluten Existenz erkannt hat, dann verschwindet die Trennung zwischen Ich und Welt und alles ist "Advaita" nicht Zweiheit, und somit eins. Die Welt wird als das erkannt, was sie ist, eine Illusion(Schein). Einzig Real und wirklich ist das Ich in seiner Dreiheit Sat-Chit-Ananda (Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit)

... es giebt ein Bewusstseyn, in welchem das Subjective und das Objective gar nicht zu trennen, sondern absolut Eins und ebendasselbe sind.
Johann Gottlieb Fichte, Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre

Dieses Einheitsbewusstsein, so sagt Advaita, ist bereits da. Es existiert nichts Anderes. Doch es gilt, sich dessen bewusst zu werden. Bis dahin lebt der Mensch in einer Scheinexistenz. Da aber der Schein kein wahres Sein an sich hat, existiert er nicht wirklich. So wie der Tod, Auflösung und somit der Weg zum Nicht-Sein ist, hat aller Schein den Tod zur Ursache und solange ist der Tod eine Realität.

Leben ist Liebe, und daher ist Leben und Seligkeit an und für sich Eins und ebendasselbe. Unterscheidung des wahrhaftigen Lebens vom blossen Scheinleben. – Leben und Seyn ist auch wieder dasselbe. Das wahrhaftige Seyn aber ist ewig mit sich selbst einig und unveränderlich, der Schein hingegen veränderlich. Das wahrhaftige Leben liebt jenes Eine oder Gott; das Scheinleben das Veränderliche oder die Welt. Der Schein selbst wird nur durch die Sehnsucht nach dem Ewigen Betragen und im Daseyn erhalten: diese Sehnsucht wird nun im blossen Scheinleben nie befriedigt, und darum ist dasselbe unselig; dagegen die Liebe des wahrhaftigen Lebens immerfort befriedigt wird, und darum dieses Leben selig ist. Das Element des wahrhaftigen Lebens ist der Gedanke.
Johann Gottlieb Fichte, Die Anweisung zum seligen Leben, erste Vorlesung
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte...Erste+Vorlesung

„es giebt ein Bewusstseyn, in welchem das Subjective und das Objective gar nicht zu trennen, sondern absolut Eins und ebendasselbe sind.
… Alles mögliche Bewusstseyn, als Objectives eines Subjects, setzt ein unmittelbares Bewusstseyn, in welchem Subjectives und Objectives schlechthin Eins seyen, voraus; ausserdem ist das Bewusstseyn schlechthin unbegreiflich. Man wird immer vergeblich nach einem Bande zwischen dem Subjecte und Objecte suchen, wenn man sie nicht gleich ursprünglich in ihrer Vereinigung aufgefasst hat.“

Johann Gottlieb Fichte, Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte...senschaftslehre

Das Ewige und bietet sich uns dar, und wir haben nichts weiter zu thun, als dasselbe zu ergreifen. Einmal aber ergriffen, kann es nie wieder verloren werden. Der wahrhaftig Lebende hat es ergriffen, und besitzt es nun immerfort, in jedem Momente seines Daseyns ganz und ungetheilt, in aller seiner Fülle, und ist darum selig in der Vereinigung mit dem Geliebten; unerschütterlich fest überzeugt, dass er es in alle Ewigkeit also geniessen werde, – und dadurch gesichert gegen allen Zweifel, Besorgniss oder Furcht. Wo es zum wahrhaftigen Leben noch nicht gekommen ist, wird jene Sehnsucht nicht minder gefühlt; aber sie wird nicht verstanden.

… Ganz gewiss zwar liegt die Seligkeit auch jenseits des Grabes, für denjenigen, für welchen sie schon diesseits desselben begonnen hat, und in keiner andern Weise und Art, als sie diesseits, in jedem Augenblicke, beginnen kann; durch das blosse Sichbegrabenlassen aber kommt man nicht in die Seligkeit; und sie werden im künftigen Leben, und in der unendlichen Reihe aller künftigen Leben, die Seligkeit ebenso vergebens suchen, als sie dieselbe in dem gegenwärtigen Leben vergebens gesucht haben, wenn sie dieselbe in etwas Anderem suchen, als in dem, was sie schon hier so nahe umgiebt, dass es denselben in der ganzen Unendlichkeit nie näher gebracht werden kann, in dem Ewigen.

… Aus diesem Grunde nun erscheint die Zurückziehung des Gemüthes auf das Eine, welches der natürlichen Ansicht nimmer kommt, sondern mit Anstrengung hervorgebracht werden muss, als Sammlung des Gemüthes und Einkehr desselben in sich selber: und als Ernst, im Gegensatze des scherzenden Spiels, welches das Mannigfaltige des Lebens mit uns treibt, und als Tiefsinn, im Gegensatze des leichten Sinnes, der, indem er vieles zu fassen hat, nichts festiglich fasst. Dieser tiefsinnende Ernst, diese strenge Sammlung des Gemüthes und Einkehr zu sich selber, ist die einzige Bedingung, unter welcher das selige Leben an uns kommen kann; unter dieser Bedingung kommt es aber auch gewiss und unfehlbar an uns. Allerdings ist es wahr, dass durch diese Zurückziehung unseres Gemüthes von dem Sichtbaren die Gegenstände unserer bisherigen Liebe uns verbleichen und allmählig schwinden, so lange, bis wir sie in dem Aether der neuen Welt, die uns aufgeht, verschönert wiedererhalten; und dass unser ganzes altes Leben abstirbt, so lange, bis wir es als eine leichte Zugabe des neuen Lebens, das in uns beginnen wird, wiederbekommen. Doch ist dies das der Endlichkeit nie abzunehmende Schicksal; nur durch den Tod hindurch dringt sie zum Leben. Das Sterbliche muss sterben, und nichts befreit es von der Gewalt seines Wesens; es stirbt in dem Scheinleben immerfort; wo das wahre Leben beginnt, stiebt es, in dem Einen Tode, für immer und für alle die Tode in die Unendlichkeit hinaus, die im Scheinleben seiner warten.

… Zu diesem, vorläufig im allgemeinen charakterisirten Leben ist nun hier insbesondere die Anweisung versprochen: ich habe mich anheischig gemacht, die Mittel und Wege anzugeben, wie man in dieses selige Leben hineinkomme, und es an sich bringe. Diese Anweisung lässt sich nun in eine einzige Bemerkung zusammenfassen: Es ist nemlich dem Menschen keinesweges angemuthet, sich das Ewige zu erschaffen, welches er auch niemals vermögen würde; dasselbe ist in ihm und umgiebt ihn unaufhörlich: der Mensch soll nur das Hinfällige und Nichtige, mit welchem das wahrhaftige Leben nimmer sich zu vereinigen vermag, fahren lassen; worauf sogleich das Ewige, mit aller seiner Seligkeit, zu ihm kommen wird. Die Seligkeit erwerben können wir nicht, unser Elend aber abzuwerfen vermögen wir, worauf sogleich durch sich selber die Seligkeit an desselben Stelle treten wird. Seligkeit ist, wie wir gesehen haben, Ruhen und Beharren in dem Einen: Elend ist Zerstreutseyn über dem Mannigfaltigen und Verschiedenen; sonach ist der Zustand des Seligwerdens die Zurückziehung, unserer Liebe aus dem Mannigfaltigen auf das Eine. –

… weil man nicht den Muth hat, es zu läugnen, auf Hörensagen und fremde Versicherung hin: es sey ein Gott; denn dies ist eine abergläubische Superstition, durch welche höchstens eine mangelhafte Polizei ergänzt wird, das Innere des Menschen aber so schlecht bleibt, als vorher, oft sogar noch schlechter wird; weil er diesen Gott sich bildet nach seinem Bilde, und ihn verarbeitet zu einer neuen Stütze seines Verderbens. Sondern darin besteht die Religion, das man, in seiner eigenen Person, und nicht in einer fremden, mit seinem eigenen geistigen Auge, und nicht durch ein fremdes, Gott unmittelbar anschaue, habe und besitze.

… sondern wir behaupten, dass diese Erkenntniss, in aller der Lauterkeit und Reinheit, welche auch wir auf keine Weise zu übertreffen vermögen, vom Ursprunge des Christenthums an, in jedem Zeitalter, wenn auch von der herrschenden Kirche grösstentheils verkannt und verfolgt, dennoch hier und da, im Verborgenen, gewaltet und sich fortgepflanzt habe. Wiederum nehmen wir von der anderen Seite gar keinen Anstand zu behaupten, dass der Weg einer consequent systematischen und wissenschaftlich klaren Ableitung, auf welchem wir unseres Ortes zu derselben Erkenntniss gekommen, zwar nicht in Absicht der Versuche, wohl aber in Absicht des Gelingens, vorher nie in der Welt gewesen; und, nächst der Leitung des Geistes unseres grossen Vorgängers, grösstentheils unser eigenes Werk sey

Johann Gottlieb Fichte, Die Anweisung zum Seligen leben


Siehe auch: Warum der Geist unerkennbar ist

#2 RE: Johann Gottlieb Fichte, Philosoph des Advaita von W.L. 01.02.2017 16:08

Sekundärliteratur:



Wolfgang Janke;
http://www.philosophie.uni-wuppertal.de/...gang-janke.html
Fichte: Sein und Reflexion - Grundlagen der kritischen Vernunft, S. 136
https://books.google.de/books?id=PDQWnMQ...egation&f=false

Erläuterung zum Begriff der Negation bei Fichte:

Das, was der Mensch als Welt erkennt, ist eine Negation des Ich. Alles was wir sehen, hat eine gemeinsame Eigenschaft an sich. Es ist "nicht Ich". Fichte benutzt die formal logische Benennung: A <> - A (-A ist Negation von A). Der Tisch, die Wand, Häuser einer Stadt, haben eines gemeinsam, sie sind mir entgegengesetzt und somit sind sie alle "nicht Ich", in Summe die Welt als Negation des Ich. Auch hier wird deutlich, das Ich setzt die Welt, sie ist ohne das Ich nicht existent.

Die Welt ist für das Ich stets begrenzt. Durch den Akt der Begrenzung wird Teilung möglich. Nun teilt das Ich die Objekte in Grade von Identität. Mein Körper ist mir näher als meine Wohnung, meine Wohnung ist mir näher als meine Stadt, usw. Dadurch gibt das Ich einem Teil der Welt mehr, einem anderen Teil weniger Realität. Das, was bei Fichte Negation und Beschränkung heißt, das heißt in der Advaitaphilosophie Identifikation mit den Objekten der Welt.

Bei Heidegger "In-Sein"
"In-Sein" Der Ausdruck des 'bin' hängt zusammen mit 'bei'; 'ich bin' besagt wiederum: ich wohne, halte mich auf bei ... der 'Welt, als dem so und so Vertrauten. Sein als Infinitiv des 'ich bin', d. h. als Existenzial verstandenen, bedeutet wohnen bei ..., vertraus sein mit ... In-Sein ist demnach der formale existenziale Ausdruck des Seins des Daseins, das die wesenhafte Verfassung des In-der-Welt-seins hat."
Sein und Zeit §12 Die Vorzeichnung des In-der-Welt-seins aus der Orientierung am In-Sein als solchem.

Hier spricht Heidegger das an, was im Buddhismus Anhaften genannt wird und was alleinige Ursache von Leid ist, weil das "In-Sein" immer auch die Welt betrifft und weil, wie Heidegger sagt, damit "nie so etwas wie das Beisammen-vorhanden-sein von vorkommenden Dingen", oder einem "Nebeneinander" gemeint ist. Heidegger formuliert den Zusammenhang möglichst genau, streng, weil er die tiefe Verwurzelung von Identifikationen im reinen Sein des Ich anspricht, Heidegger nennt es, "innerweltliches" Sein. Das Problem ist, dass durch das "In-Sein", das reine "innerweltliche" Sein, "Faktizität" erhält. "innerweltliches" Sein wird zur Sache, zum Faktum. Es haftet dem reinen "innerweltlichen" Sein an und ist Ursache von Leid, weil reines "innerweltliches" Sein niemals Faktum, somit Objekt sein kann. Dennoch sind beide im Ich verbunden. Heidegger schreibt: "Der Begriff der Faktizität beschließt in sich: das In-der-Welt-seins eines 'innerweltlich' Seienden, so zwar, dass sich dieses Seiende verstehen kann als in seinem 'Geschick' verhaftet und mit dem Sein des Seienden, das ihm innerhalb seiner eigenen Welt begegnet.

Das bedeutet, der Mensch kann ohne die Erkenntnis, dass er in der Welt ist, auch sich selbst nicht begreifen. Erfahrung kann auf diese Weise auch zur Selbsterkenntnis führen. Die Welt wird nicht nur zum Spiegel, in dem sich der Mensch erkennt, sondern der Mensch hat sich mit diesen Spiegelungen auch identifiziert, nennt sie mein und haftet an ihnen. Erfahrung zeigt diese Anhaftungen auf, auch und vor allem durch Leid. Zum Wesen des Seins in der Welt gehören Anhaftungen. Heidegger geht sehr analytisch auf das Sein des Menschen zu, indem er zum menschlichen Sein auch sein 'Geschick' sieht und die Ursache dafür aufzeigt. Sie liegt im menschlichen Dasein selbst verborgen und muss durch strenge Analyse bewusst gemacht werden. Das ist der leidlose Weg des Philosophen in die Befreiung vom Leiden. In Indien ist dies einer vier Wege, der Jnana Yoga(Weg des Wissens) genannt wird. Der leidvolle Weg ist Erfahrung.

Etwas ähnliches finden wir im Prolog des Johannesevangeliums, wenn man es ohne die üblichen Glaubens-Verhaftungen ließt: "Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst(griech. katalambano = überwältigt , (s.a. Elberfelder Studienbibel) ". Licht als Metapher für reines Bewusstsein im buddhistischen Sinn, bei Heidegger "innerweltliches" Sein. Finsternis als Metapher für "In-der-Welt-sein".

Heidegger spricht diese Begrifflichkeiten an, indem er die Reden vom Sein, verständlicher würde man sagen, das Reden vom Sein begrifflich zerlegt. Er sagt: Die ontisch bildliche Rede vom lumen naturale im Menschen meint nichts anderes als die existenzial-ontologische Struktur dieses Seienden, dass es ist in der Weise, sein Da zu sein. Es ist 'erleuchtet', besagt: an ihm selbst als In-der-Welt-sein gelichtet, nicht durch ein anderes Seiendes, sondern so, dass es selbst die Lichtung ist.
Sein und Zeit, §28

"Licht" des Johannesprologs ist das "lumen naturale im Menschen", das natürliche Licht in uns. Es "ist" in der Weise des Da (hier und jetzt) und nur dadurch und nicht durch etwas Anderes, ist es aus sich selbst heraus "erleuchtet". Verständlich gesprochen ist das innerste Wesen des Bewusstseins des Menschen das Sein, hier und jetzt, im "Da". Es ist gewiss ein Zen-Koan, daher nur in einer meditativen Praxis erfahrbar.

Das Ziel von Advaita ist das Aufgeben dieser Identifikationen, im Buddhismus das Aufgeben von Anhaften. Es geschieht bei Ramana Maharishi durch die ständige Frage nach dem "wer". Wer denkt jetzt, wer frägt das, wer will es. Dadurch zieht das Ich die Realität in vollem Maße auf sich selbst und die Welt versinkt in Advaita(nicht Zweiheit). Sie wird wieder eins mich sich selbst. Durch einen Akt der bedingten Rückkehr wird die Welt wieder real. Jedoch erlangt sie nie mehr das Ausmaß an Realität, wie vor diesem Ereignis und erscheint als traumhaft und unreal. Dabei verschwindet auch das Leiden ebenso wie das begrenzte Ich, welches nach Fichte stets mit dem Nicht-Ich und der Welt auftaucht. Im Buddhismus wird Leid durch das Aufgeben von Anhaften eliminiert.

#3 RE: Johann Gottlieb Fichte, Philosoph des Advaita von W.L. 06.02.2017 20:20

Hans-Peter Dürr zur Frage nach der objektiven materiellen Wirklichkeit:
Die Felder in der Quantenphysik sind nicht nur immateriell, sondern wirken in ganz andere, größere Räume hinein, die nichts mit unserem vertrauten dreidimensionalen Raum zu tun haben. Es ist ein reines Informationsfeld – wie eine Art Quantencode. Es hat nichts zu tun mit Masse und Energie. Dieses Informationsfeld ist nicht nur innerhalb von mir, sondern erstreckt sich über das gesamte Universum. Der Kosmos ist ein Ganzes, weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat. Es gibt nur das Eine.
Interview mit Hans-Peter Dürr, Quantenphysiker: http://integrales-coaching.de/sites/geistundmaterie.html

Dürrs Aussagen bestätigen Fichtes Philosophie, wie auch Advaita Vedanta.

Die prinzipielle Unkenntnis der Wellenfunktion im Raum der Elektronen, die um den Atomkern schwingen, aufgrund von Heisenbergs Unschärferelation ist das Mysterium der Materie, wie des Bewusstseins.

Zur Kopenhagener Deutung bei Wikipedia:
Ferner wird in dieser Interpretation darauf verzichtet, den Objekten des quantentheoretischen Formalismus, also vor allem der Wellenfunktion, eine Realität in unmittelbarem Sinne zuzusprechen. Stattdessen werden die Objekte des Formalismus lediglich als Mittel zur Vorhersage der relativen Häufigkeit von Messergebnissen interpretiert, die als die einzigen Elemente der Realität angesehen werden.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kopenhagener_Deutung

Solange wir nicht messend eingreifen, ist der Raum der Quantenfelder per Definition unbekannt. Wir können weder etwas darüber aussagen, noch wissen, es sei denn, es wird gemessen. In dem Moment kollabiert die Wellenfunktion und Materie wird Wirklichkeit. Der Akt des Messens ist aber ein Akt des Bewusstseins. Somit setzt das Bewusstsein mit dem Akt auch das zu messende Objekt. Das Ich setzt das Nicht-Ich.

Schon die bloße Betrachtung der Materie über große Zeiträume hinweg würde klar erkennen lassen, dass Materie permanent unter Beachtung der Energieerhaltung zwischen Aggregatzuständen wechselt. Zuerst ist Gas, dann Flüssigkeit, dann feuriger Zustand, dann fester Zustand, usw. Das zeigt permanenten Wandel an, "panta rhei". Unter diesem Gesichtspunkt verliert die scheinbare Stabilität der Materie allen Halt. Einzig stabil ist die nicht sichtbare Achse, um die dies alles geschieht, die Energieerhaltung. Das Absolute Sein des Kosmos manifestiert sich so: Unerkennbar im Erkennbaren, unwandelbar im Wandel. Diese Vorstellung ähnelt den Vorstellungen der Griechen vom Wandel der Elemente.

Wie bei den Pythagoreern postuliert, sind auch die Erhaltungssätze der klassischen Physik eine Vierheit, Tetraktys: Erhaltung von Energie, Impuls, Drehimpuls und Ladung.
Diese Erhaltungssätze wurden durch die Lorenzgruppe geometrisiert .
Die Quantenphysik fügt dieser Vierheit eine spirituelle Dreiheit hinzu: Die Erhaltung der Baryonenzahl, Myonenzahl und Elektronenzahl.
Dies jedoch nur als eine gleichnishafte Näherung, denn die Erhaltungssätze gelten streng genommen nur in geschlossenen Systemen, und ob der Kosmos ein geschlossenes System ist, das wissen wir nicht:
"Die klassische Physik ist eine sehr gute Annäherung, aber keine exakte Beschreibung der Phänomene. Vielleicht sollte ich, ehe ich die Hypothese formuliere, hervorheben, dass die klassische Physik nicht nur empirisch widerlegt ist, sondern dass sie auch a priori kaum eine Chance hat oder hatte, eine exakte Theorie der Phänomene zu sein, ..."
Weizsäcker, Carl F.; Die Einheit der Natur; dtv, München, 1995, S. 229

Das ist die komplementäre Aussage zu Hans-Peter Dürr, dem Weggefährten Heisenbergs. Wir dürfen uns also nun getrost von der klassischen Physik als Welterklärung verabschieden und das bricht jeden Widerstand, der sich meldet, wenn wir von Advaita, von der Einheit der Welt hören.

Warum ist Sein und nicht Nichtsein, beantwortet Fichte in seiner Wissenschaftslehre:

(Zur Erläuterung! Man hört wohl die Frage aufwerfen: was war ich wohl, ehe ich zum Selbstbewusstseyn kam? Die natürliche Antwort darauf ist: ich war gar nicht; denn ich war nicht Ich. Das Ich ist nur insofern, inwiefern es sich seiner bewusst ist. – Die Möglichkeit jener Frage gründet sich auf eine Verwirrung zwischen dem Ich als Subject; und dem Ich als Object der Reflexion des absoluten Subjects, und ist an sich völlig unstatthaft. Das Ich stellt sich selbst vor, nimmt insofern sich selbst in die Form der Vorstellung auf und ist erst nun Etwas, ein Object; das Bewusstseyn bekommt in dieser Form ein Substrat, welches ist, auch ohne wirkliches Bewusstseyn, und noch dazu körperlich gedacht wird. Man denkt sich einen solchen Zustand, und fragt: Was war damals das Ich; d.h. was ist das Substrat des Bewusstseyns. Aber auch dann denkt man unvermerkt das absolute Subject, als jenes Substrat anschauend, mit hinzu; man denkt also unvermerkt gerade dasjenige hinzu, wovon man abstrahirt zu haben vorgab; und widerspricht sich selbst. Man kann gar nichts denken, ohne sein Ich, als sich seiner selbst bewusst, mit hinzu zu denken; man kann von seinem Selbstbewusstseyn nie abstrahiren: mithin sind alle Fragen von der obigen Art nicht zu beantworten; denn sie sind, wenn man sich selbst wohl versteht, nicht aufzuwerfen).
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte...ngter+Grundsatz

Fichte wendet ein, wer frägt nach dem Nichtsein. D.h. wäre Nichtsein, wer könnte denn danach fragen? Insofern ist die Frage weder logisch, noch beantwortbar, denn sobald gefragt wird, beweist der Fragende dass er da ist. Die Frage nach dem Nichtsein beweist das Sein.

Ist das nicht auch ein Beweis für das Sein an und für sich? Wenn man so will, Gott als das absolute Sein, der Mensch als das Seiende (das was ist).
Das bedeutet für das "Ich bin" existiert keine logische Alternative.

Der Verweis auf die vorher und immer schon existierende Materie, wird mit der Quantenphysik unzulässig. Die Quantenphysik hat die Materie all ihere sinnlichen Attribute entkleidet. Farbe, Form, Bedeutung unserer Umgebung, existiert für die Quantenwelt nicht. In ihr gibt es nur Wellenfunktionen als potentiell vorhanden. Erst das eingreifen der Messung erzeugt Struktur und Welt.

Als präexistent könnte man wohl die Naturgesetze ansehen. Die Regeln, nach denen sich Welt entspinnt, wie etwa die Erhaltungssätze der Physik. Auch da muss man nach der Endgültigkeit solcher Gesetze fragen.

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