#1 G.W.F. Hegel von W.L. 26.02.2017 19:06

Aus der Phänomenologie des Geistes; A Natürliche Religion, a Lichtwesen

"Das reine Licht wirft seine Einfachheit als eine Unendlichkeit von Formen auseinander und gibt sich dem Für-sich-sein[der Einzelexistenz] zum Opfer dar"

Das Lichtwesen
Der Geist, als das Wesen, welches Selbstbewußtsein ist – oder das selbstbewußte Wesen, welches alle Wahrheit ist und alle Wirklichkeit als sich selbst weiß –, ist gegen die Realität, die er in der Bewegung seines Bewußtseins sich gibt, nur erst sein Begriff, und dieser Begriff ist gegen den Tag dieser Entfaltung die Nacht seines Wesens, gegen das Dasein seiner Momente als selbstständiger Gestalten das schöpferische Geheimnis seiner Geburt. Dies Geheimnis hat in sich selbst seine Offenbarung; denn das Dasein hat in diesem Begriffe seine Notwendigkeit, weil er der sich wissende Geist ist, also in seinem Wesen das Moment hat, Bewußtsein zu sein und sich gegenständlich vorzustellen. – Es ist das reine Ich, das in seiner Entäußerung, in sich als allgemeinem Gegenstande die Gewißheit seiner selbst hat, oder dieser Gegenstand ist für es die Durchdringung alles Denkens und aller Wirklichkeit.
In der unmittelbaren ersten Entzweiung des sich wissenden absoluten Geistes hat seine Gestalt diejenige Bestimmung, welche dem unmittelbaren Bewußtsein oder der sinnlichen Gewißheit zukommt. Er schaut sich in der Form des Seins an, jedoch nicht des geistlosen mit zufälligen Bestimmungen der Empfindung erfüllten Seins, das der sinnlichen Gewißheit angehört, sondern es ist das mit dem Geiste erfüllte Sein. Es schließt ebenso die Form in sich, welche an dem unmittelbaren Selbstbewußtsein vorkam, die Form des Herrn gegen das von seinem Gegenstande zurücktretende Selbstbewußtsein des Geistes. – Dies mit dem Begriffe des Geistes erfüllte Sein ist also die Gestalt der einfachen Beziehung des Geistes auf sich selbst, oder die Gestalt der Gestaltlosigkeit. Sie ist vermöge dieser Bestimmung das reine, alles enthaltende und erfüllende Lichtwesen des Aufgangs, das sich in seiner formlosen Substantialität erhält. Sein Anderssein ist das ebenso einfache Negative, die Finsternis; die Bewegungen seiner eignen Entäußerung, seine Schöpfungen in dem widerstandslosen Elemente seines Andersseins sind Lichtgüsse, sie sind in ihrer Einfachheit zugleich sein Für-sich-werden und Rückkehr aus seinem Dasein, die Gestaltung verzehrende Feuerströme. Der Unterschied, den es sich gibt, wuchert zwar in der Substanz des Daseins fort und gestaltet sich zu den Formen der Natur; aber die wesentliche Einfachheit seines Denkens schweift bestandlos und unverständig in ihnen umher, erweitert ihre Grenzen zum Maßlosen, und löst ihre zur Pracht gesteigerte Schönheit in ihrer Erhabenheit auf.
Der Inhalt, den dies reine Sein entwickelt, oder sein Wahrnehmen ist daher ein wesenloses Beiherspielen an dieser Substanz, die nur aufgeht, ohne in sich niederzugehen, Subjekt zu werden und durch das Selbst ihre Unterschiede zu befestigen. Ihre Bestimmungen sind nur Attribute, die nicht zur Selbstständigkeit gedeihen, sondern nur Namen des vielnamigen Einen bleiben. Dieses ist mit den mannigfachen Kräften des Daseins und den Gestalten der Wirklichkeit als mit einem selbstlosen Schmucke angekleidet; sie sind nur eignen Willens entbehrende Boten seiner Macht, Anschauungen seiner Herrlichkeit und Stimmen seines Preises.
Dies taumelnde Leben aber muß sich zum Für-sich-sein bestimmen und seinen verschwindenden Gestalten Bestehen geben. Das unmittelbare Sein, in welchem es sich seinem Bewußtsein gegenüberstellt, ist selbst die negative Macht, die seine Unterschiede auflöst. Es ist also in Wahrheit das Selbst; und der Geist geht darum dazu über, sich in der Form des Selbsts zu wissen. Das reine Licht wirft seine Einfachheit als eine Unendlichkeit von Formen auseinander und gibt sich dem Für-sich-sein zum Opfer dar, daß das Einzelne das Bestehen an seiner Substanz sich nehme.

#2 G.W.F. Hegel von W.L. 07.07.2020 16:36

Über Hegel wurde und wird viel Unsinn geschrieben. Wenn Popper etwa sagt, er habe Hegel nicht verstanden, so zieht er den Schluss, Hegel sei ein Scharlatan und zitiert anschließend den bedeutendsten Kritiker, Schopenhauer. Es gibt unter den bedeutenden Philosophen wohl kaum einen, der nicht von Kollegen verrissen wurde, sodass man beinahe sagen könnte, je größer der Verriss, ums bedeutender der Philosoph. Hegels Dialektik wurde von Marx übernommen und pervertiert, denn Hegels Dialektik ist keine Sozialkritik. Wollte man Hegels Philosophie mit einem Satz zusammenfassen, so würde ich sagen:

Hegels Philosophie vertraut alleine auf menschliche Erfahrung und den Prozess, dem sich der Mensch stellt, wenn er sein Denken und seine Haltungen durch Taten in die Wirklichkeit bringt.

Nun zu behaupten der Mensch lernt nicht aus Erfahrung, würde ein finsteres Szenario zeichnen. Der Mensch wäre unweigerlich dem Untergang geweiht. Geht man jedoch davon aus, dass Erfahrung auch Lernprozesse beinhalten, so ist damit auch ein Fortschritt verbunden. Dieser Fortschritt manifestiert sich jedoch nicht in Wohlstand, sondern in Selbsterkenntnis. Das Innere des Menschen ist dadurch einem permanenten Wandlungsprozess unterworfen, das zu einer vermehrten Harmonie von Innen und Außen führen muss. Wo nicht, eskalieren Konflikte solange, bis der Prozess zu einer Synthese führt.

Auch die immer wiederholte Behauptung, Hegels Philosophie sei ein reines Gedankengebäude, er sehe die Welt als Idee oder Geist ist falsch. Seine Philosophie postuliert jedoch über dem Realen und über dem Inneren des Menschen, eine höhere Wirklichkeit, die er "das Allgemeine", das "absolute Allgemeine", "Geist", oder "Weltgeist" nennt. Diese höhere Wirklichkeit umfasst das, was wir Realität oder äußere Wirklichkeit nennen und wird durch die Kollision des Menschen mit der Wirklichkeit realisiert. Der Mensch gerät durch den Prozess der Erfahrung zur Realisation einer höheren Wirklichkeit. Die äußere Welt ist vollständig abgestimmt auf die innere des Menschen. Beide stehen jedoch wie These und Antithese im Gegensatz zueinander. Durch Erfahrung als Reaktion der äußeren auf die innere Welt, werden beide zu einer Synthese gebracht.

Die ersten Kapitel von Hegels Phänomenologie des Geistes ist im Grunde eine Formulierung der indischen Advaita-Philosophie.
Ramana Maharishi



Hegel sagte über Napoleon, er sei der Weltgeist zu Pferde.
Aus Hegels Perspektive der Dialektik der Geschichte könnte man seinen Ausspruch über Napoleon als Synthese verstehen. Die Französische Revolution gründete auf den Ideen der Aufklärung. Aufklärung wandte sich in der Revolution gegen den Feudalismus. Die Aufklärung war also eine These, in welcher die Antithese bereits formuliert ist. Diese Antithese führte zur Beseitigung der Monarchie, schließlich zum Terror der Jakobiner. Napoleon führte die Ideen der Aufklärung in einen reformierten Staat über und vollzog somit den Fortschritt in Form einer Synthese. Napoleon war aber wiederum eine neue These, in der die Antithese formuliert war. Der Franzose wollte die Ideen der Aufklärung über ganz Europa verbreiten und vollzog mit den napoleonischen Kriegen wiederum eine Antithese. Auf diese Weise vollzieht sich die Dialektik der Geschichte.

Fortschritt kann sich so nur ereignen, wenn die Gegner einer Position, die Gegenposition studieren, übernehmen und mit der eigenen Position in eine Synthese bringen.

Es geht also auch heute darum, zu verstehen, wie die Erscheinungen der Geschichte (Putin, Trump, die AfD in Deutschland, Bolsonaro, etc.) zustande kamen. Sie müssen gründlich analysiert werden, deren Ursachen aufgedeckt, die nutzbaren Positionen übernommen und in eine Synthese mit den eigenen Positionen gebracht werden.

Solange historische Erscheinungen lediglich bekämpft werden, wird es keinen Fortschritt geben. Positionen werden sich verhärten und eskalieren. Das geschieht solange, bis es zu einer Synthese kommen wird, in der sich beide Positionen wiederfinden.

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