#1 Die Mândûkya-Upanishad des Atharvaveda und der OM-Laut von W.L. 27.04.2017 16:49

Quelltext bei Zenon

Diese Upanischad befasst sich mit den vier Zuständen des Menschen, dem Wachen, dem Träumen, dem traumlosen Tiefschlaf und den vierten Zustand. Alle vier bedeuten den Om-Laut.
Drei der vier Zustände heißen:
"Allwärts, aussenbewusst Viçva", (Wachbewusstsein)
"Innenbewusst ist Taijasa", (Traumbewusstsein)
"Ganz nur Bewusstsein ist Prâjña", (traumloser Tiefschlaf).

Es heißt:
Erster Teil.
§ 1.
1. Om! Diese Silbe ist die ganze Welt. Ihre Erläuterung ist wie folgt.1
Das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige, dieses alles ist der Laut Om. Und was ausserdem noch über die drei Zeiten hinausliegend ist, auch das ist der Laut Om.
2. Denn dies alles ist Brahman, Brahman aber ist dieser Âtman (die Seele), und dieser Âtman ist vierfach.
3. Der im Stande des Wachens befindliche, nach aussen erkennende, siebengliederige2, neunzehnmündige3, das Grobe geniessende Vaiçvânara ist sein erstes Viertel.
4. Der im Stande des Träumens befindliche, nach innen erkennende, siebengliederige4, neunzehnmündige5, das Auserlesene geniessende6 Taijasa ist sein zweites Viertel.
5. Der Zustand, »wo er, eingeschlafen, keine Begierde mehr empfindet und kein Traumbild schaut« (Bṛih. 4,3,19), ist der Tiefschlaf. Der im Stande des Tiefschlafes befindliche, »einsgewordene«, »durch und durch ganz aus Erkenntnis bestehende«, »aus Wonne bestehende«, die Wonne geniessende, das Bewusstsein als Mund habende Prâjña ist sein drittes Viertel.

...

1. Allwärts, aussenbewusst Viçva,
Innenbewusst ist Taijasa,
Ganz nur Bewusstsein ist Prâjña,
Einer ist's, der für dreie gilt.

2. Aus rechtem Auge blickt Viçva,
Im Manas drinnen Taijasa,
Im Raum im Herzen weilt Prâjña,
So ist dreifach im Leib sein Stand.

3. Grobes geniessend ist Viçva.
Auserlesenes Taijasa,[578]
Wonne geniessend ist Prâjña,
Dreifach so sein Geniessen ist.

4. An Grobem sättigt sich Viçva,
An Auserles'nem Taijasa,
An Wonne sättigt sich Prâjña,
Dreifach ist seine Sättigung.

Im folgenden Absatz wird gefragt, wer es ist, der die drei Zustände überdauert, wer sie realisiert und durchläuft. Es ist dieselbe Frage nach dem "Genießer" und dem Objekt des Genusses. Wer davon weiß ist der Atman, das absolute Sein, das durch den Menschen erfahren werden kann.
5. Wer ist in diesen drei Ständen
Geniesser? was Genuss-Objekt?
Wem dieses wohlbewusst beides,
Der geniesst und wird nicht befleckt.


Es folgt eine Beschreibung des Ursprungs (Atman, Weltseele), aus dem alle Wesen entspringen, im Gleichnis der Sonne und ihrer Strahlen:
6. Ein Ursprung ist aller Wesen
Als seiender, das ist gewiss:
Der Geist (purusha) als Lebenskraft (prâṇa) schuf sie
Getrennt wie Sonnenstrahlen nur.


Die Trennung zwischen Gott (Brahman) und Welt wird negiert. Gott selbst IST die Welt und dieses Sein kennt weder Wünsche noch Leid. Erst das Nicht-Sein* schafft Wünsche und Leid:
Nein! sie ist Gottes Selbstwesen!
Was kann wünschen, wer alles hat?


******************
*Siehe Johann Gottlieb Fichte, Philosoph des Advaita
Abschnitt: Allgemeine Grundzüge der Advaita Philosophie zum Nicht-Sein
Dieses Einheitsbewusstsein, so sagt Advaita, ist bereits da. Es existiert nichts Anderes. Doch es gilt, sich dessen bewusst zu werden. Bis dahin lebt der Mensch in einer Scheinexistenz. Da aber der Schein kein wahres Sein an sich hat, existiert er nicht wirklich. So wie der Tod, Auflösung und somit der Weg zum Nicht-Sein ist, hat aller Schein den Tod zur Ursache und solange ist der Tod eine Realität.

Leben ist Liebe, und daher ist Leben und Seligkeit an und für sich Eins und ebendasselbe. Unterscheidung des wahrhaftigen Lebens vom blossen Scheinleben. – Leben und Seyn ist auch wieder dasselbe. Das wahrhaftige Seyn aber ist ewig mit sich selbst einig und unveränderlich, der Schein hingegen veränderlich. Das wahrhaftige Leben liebt jenes Eine oder Gott; das Scheinleben das Veränderliche oder die Welt. Der Schein selbst wird nur durch die Sehnsucht nach dem Ewigen Betragen und im Daseyn erhalten: diese Sehnsucht wird nun im blossen Scheinleben nie befriedigt, und darum ist dasselbe unselig; dagegen die Liebe des wahrhaftigen Lebens immerfort befriedigt wird, und darum dieses Leben selig ist. Das Element des wahrhaftigen Lebens ist der Gedanke.
Johann Gottlieb Fichte, Die Anweisung zum seligen Leben, erste Vorlesung
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte...Erste+Vorlesung
******************

Die drei Zustände werden mit dem OM-Laut in seiner dreifachen Aussprache als a, u, m, gleichgesetzt und darin liegt der Grund, weshalb der OM-Laut die ganze Welt bedeutet. In seiner ausgesprochenen Form AUM, bedeutet er die drei Zustände des Wachens, Träumens und des Tiefschlafs. In der Form des OM bedeutet er den Atman, die Weltseele im Menschen.
§ 3. Dieser Âtman nun ist in bezug auf die Laute die Silbe Om, nämlich in bezug auf seine Moren; die Moren sind die Viertel [des Âtman], und die Viertel sind die Moren, nämlich der a-Laut, der u-Laut und der m-Laut.



Der heilige Laut OM besitzt also zwei Arten der Aussprache. Zum einen OM, zum andern A-U-M.

Insgesamt finden wir hier eine Vierheit vor, die wie es in Helena P. Blavatskys Geheimlehre, Bd. II, S.465 heißt:

Unsere alten Schriftsteller sagten, daß Vâch von viererlei Art ist. Diese Arten heißen Parâ, Pashyantî, Madhyamâ, Vaikharî. Diese Darstellung finden Sie im Rig Veda selbst und in verschiedenen der Upanishaden. Vaikharî Vâch ist das von uns ausgesprochene.
...
Der Grund, warum dieser Pranava [OM] Vâch genannt wird, ist der, daß diese vier Prinzipien des großen Kosmos diesen vier Formen der Vâch entsprechen.


A bedeutet den Wachzustand und eine zentrifugale Kraft, vergleichbar mit dem Feuerelement der Alchemie.
U bedeutet den Traumzustand, eine zentripetale Kraft, vergleichbar mit dem Wasserelement der Alchemie.
M bedeutet den Zustand des traumlosen Schafs, eine ausgleichende und vermittelnde, schwingende Kraft, vergleichbar mit dem Luftelement der Alchemie.

Am Beispiel der Entstehung von Kochsalz entspräche die Salzsäure, dem feurigen, die Natronlauge dem wässrigen, das Lösungsmittel dem luftigen Element. Aus Säure und Base entsteht im Lösungsmittel das Salzkristall, welches das vierte Element Erde darstellt. Im Salzkristall sind alle drei Elemente in verwandelter Form vereint. Natrium, Chlor und das Strukturgebende als Information und Ordnung im Kristall, das luftige Element.
OM fasst alle drei Laute in sich, wie das Element Erde der Alchemie die drei Elemente Feuer, Wasser und Luft in sich fasst.

In einem Kommentar zu oben genanntem Zitat heißt es:

Der Pranava, OM, ist ein mystisches Wort, das von den Yogis während
der Meditation ausgesprochen wird; von den Worten, welche nach den
exoterischen Kommentatoren Vyâkritis genannt werden, oder von Aum, Bhûh,
Bhuvah, Svah, (Om, Erde, Lufthimmel, Himmel) ist Pranava vielleicht das
heiligste. Sie werden mit verhaltenem Atem ausgesprochen.

#2 RE: Die Mândûkya-Upanishad des Atharvaveda und der OM-Laut von W.L. 02.05.2017 16:35

Die Autoren der Vedas kannten den NON-REM Schlaf, den traumlosen Tiefschlaf

Es bleibt für den modernen Menschen ein Rätsel, woher die Autoren der Jahrhunderte alten Texte vom Zustand des traumlosen Tiefschlafs, der heute NON-RM Schlaf genannt wird, wussten. Erst mit den modernen Messmethoden der Schlafforschung konnte man diese Schlafphase messtechnisch erschließen. Im NON-REM Schlaf findet keine Augenbewegung statt (REM=rapid eye movement), der Schlafende besitzt also im Gegensatz zur REM-Phase keine Wahrnehmungen. Außerdem konnte man Deltawellen messen

Der vierte Teil des OM-Lauts

§ 4.

12. Moralos ist der Vierte, unbetastbare, die ganze Weltausbreitung auslöschende, selige, zweitlose. – In dieser Weise ist die Silbe Om der Âtman (das Selbst).
Der geht mit seinem [individuellen] Selbste in das [höchste] Selbst ein, wer solches weiss, – wer solches weiss.

24. Nach Vierteln wisse den Om-Laut,
Seine Moren die Viertel sind;
Wer nach Vierteln den Om-Laut kennt,
Braucht nichts weiter zu wissen mehr.

25. Im heil'gen Ruf geh' auf denkend,
Er ist Brahman, das furchtlose,
Wer stets im heil'gen Ruf aufgeht,
Der fürchtet sich vor keinem mehr.

26. Der heil'ge Ruf ist das nied're,
Er ist das höh're Brahman auch,
»Ohne Früheres und Spät'res,
Ohne Inn'res und Äusseres«.

27. Denn er ist aller Welt Anfang,
Ist Mitte ihr und Ende auch,
Wer so den heil'gen Ruf weiss, der
Wird alsbald mit ihm eins sodann.

28. Den heil'gen Ruf als Gott wisse,
Der im Herzen von allem thront;
Der Weise, der den Om-Laut kennt
Als allerfüllend, trauert nicht.

29. Unendlichteilig und teillos,
Ist er der Zweiheit sel'ge Ruh;
Wer als solchen den Om-Laut kennt,
Ist ein Muni, kein anderer.


Der Traum, wie auch der Wachzustand ist nur Vorstellung. Advaita Vedanta und J.G. Fichtes Philosophie

Zweiter Teil,

genannt Vaitathyam, »die Unwahrheit«.

[583] 1. Alles, was wir im Traum sehen,
Ist unwahr, sagen Weise uns,
Weil alles dies nur inwendig,
Weil es in uns beschlossen liegt;

2. Auch weil die Zeit zu kurz wäre
Zum Besuch ferner Gegenden,
Und weil wir ja beim Aufwachen
Nicht sind in jenen Gegenden.

3. »Da sind nicht Wagen, nicht Strassen,«
Lehrt die Schrift und das Denken uns,
So ist des Träumens Unwahrheit
Erwiesen und auch offenbart.

4. Weil Vielheit hier nur inwendig,
Ist sie es auch im Wachen nur;
Hier wie dort ist nur Vorstellung,
In uns beschlossen, hier wie dort.
...
31. Wie Traum und Blendwerk man ansieht,
Wie eine Wüstenspiegelung,
So sieht an dieses Weltganze,
Wer des Vedânta kundig ist.

Diese Aussage des Advaita Vedanta, die man an zahlreichen Stellen in den Texten der Upanischads findet - 48 Verse zu Advaita, aus der Mândûkya-Upanishad - deckt sich mit Johann Gottlieb Fichtes Philosophie. Dieser zufolge ist es der Mensch, der die Welt als Vorstellung aus sich herauswirft: Johann Gottlieb Fichte, Philosoph des Advaita

#3 RE: Die Mândûkya-Upanishad des Atharvaveda und der OM-Laut von W.L. 04.05.2017 15:56

Die Grundlagen dieser Philosophie des deutschen Idealismus, als dessen Höhepunkt Fichte und Hegel anzusehen sind, wurde von Immanuel Kant gelegt.

Kants strenge Forderung, dass der Mensch durch das, was ihm die Sinne liefern (Sinnlichkeit), noch keiner Erkenntnis teilhaftig werden könne, legt den Grundstein für die Advaitaphilosophie. Kants apriorische (von vorn herein gegebene) und transzendentalen (nicht sinnlichen) Grundlagen der Erkenntnis werfen den Menschen in seiner Erkenntnis der Welt auf sich selbst zurück.

Xobor Einfach ein eigenes Xobor Forum erstellen