#1 Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser von W.L. 12.06.2017 10:53

Jean Gebser (* 20. August 1905 in Posen als Hans Karl Rudolf Hermann Gebser; † 14. Mai 1973 in Wabern bei Bern) war ein deutsch-schweizerischer Philosoph, Schriftsteller und Übersetzer. Er gilt als einer der ersten kulturwissenschaftlich orientierten Bewusstsein­sforscher, die ein Strukturmodell der Bewusstseinsgeschichte des Menschen etabliert haben.

Jean Gebser Gesellschaft

Zusammenfassung und Überblick
Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart (BEWUSSTSEINS-ENTWICKLUNG), von Birgit Sonnek, 2012
Bewusstseins-Entwicklung

Eine Beschreibung der vier Bewusstseins-Strukturen Gebsers von Prof. Dr. Barbara von Meibom Comm unio – Institut für Führungskunst aus Diesseits und jenseits der Wissenschaft, Abschiedsvorlesung Universität Duisburg – Essen am 31. Januar 2012:Wissenschaft und Bewusstseinsstrukturen: archaisch, magisch, mythisch, mental und integral
In der Originalschrift ab S.6: Diesseits und jenseits der Wissenschaft

... dass der Amerikaner Ken Wilber, ebenfalls ein Autodidakt, sich in seinem umfangreichen und auch im Deutschen vorliegenden Werk auf Gebsers Aussagen stützt. Auch Wilber gilt als spirituell Erfahrener und legte kürzlich ein Buch mit dem Titel „Integrale Spiritualität"
Gottwald; Integrales Bewusstsein, S. 6
Ken Wilber, Integrale Spiritualität

Universität Oldenburg, Wilber Gebser-Seminar, 22.07.07
Dennis Wittrock: Jean Gebser und Ken Wilber im Vergleich

Siehe auch: Ken Wilbur

Vorwort zu Ursprung und Gegenwart, von Jean Gebser

#2 RE: Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser von W.L. 12.01.2018 12:02

Vier Bewusstseinstrukturen Gebsers, zusammengefasst durch Communio – Institut für Führungskunst Prof. Dr. Barbara v. Meibom in der Abschiedsvorlesung Universität Duisburg – Essen am 31. Januar 2012, ab S.6

"Das archaische Bewusstsein ist nulldimensional, traumlos, ununterschieden, ungetrennt, paradiesisch. Pränatalforscher sagen, dass der Fötus in diesem Zustand in den ersten Lebensmonaten weilt. Wann immer wir in einem paradiesischen vorbewussten Einheitszustand weilen, sind wir im archaischen Bewusstsein."

In Gebsers Gesamtausgabe ist die archaische Bewusstseinsstruktur nur sehr unzureichend belegt. Für mich sieht es so aus, als ob die Legende von der Traumzeit der australischen Ureinwohner das beschreibt, was Gebsers archaische Bewusstseinsstruktur meint: Die Traumzeit-Legenden handeln von der universellen, raum- und zeitlosen Welt, aus der die reale Gegenwart in einem unablässigen Schöpfungsprozess hervorgeht, um ihrerseits wiederum die Traumzeit mit neuen geschichtlichen Vorgängen zu „füllen“. ( Wikipedia Traumzeit) Der Ur-Australier befand sich passiv gegenüber dieser, ihn einschließenden Traumzeit, wie er sich auch passiv und eins wissend in seiner Landschaft bewegte. Sie war nicht nur Ausdruck, sondern integraler Teil dieser Traumzeit. Dieses unangezweifelte sich-eins-wissen mit etwas sei es die Familie, eine Gruppe oder eine die Landschaft ist noch immer lebendig in allen Menschen. Aus dieser Sphäre der Geborgenheit entstehen Schwarm- und Massenphänomene.

Ein weiterer Kandidat für die archaischen Bewusstseinsstruktur ist die Megalithkultur. Andrew Sherratt hält es für mögluch, dass Großbauten wie die europäischen Megalithgräber im Prinzip auch von kleinen Gemeinschaften ohne hierarchische Gesellschaftsstruktur erbaut worden sein könnten.
Wikipediaquelle: Andrew Sherratt: Das Jungneolithikum und die Kupferzeit. In: Barry Cunliffe (Hrsg.)\: Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas. Frankfurt 1996, S. 408
Hierarchische Strukturen haben nur zwei Komponenten. Den Herrscher und den Untertan. Das wäre eine magische Bewusstseinsstruktur, die nur eindimensional fungiert. Fehlen diese Strukturen, so handelt es sich um eine archaische Bewusstseinsstruktur, die nur aus dem instinktiven Clanbewusstsein heraus zusammengehalten wird. Damit wäre die Megalithkultur eine rein archaische Gesellschaft. Klar wird auch, dass sowohl die archaische Bewusstseinsstruktur als vielfältige Identitäten, wie auch die magische Bewusstseinsstruktur als autoritäre Führungsstrukturen in vielfältiger Weise noch immer präsent sind. Alle eindimensionalen Erscheinungen, wie Kampf, Krieg aber auch der Wettkampf der nur einen Sieger und einen Unerlegenen kennt, sind magische Bewusstseinsstrukturen.

Im Gegensatz zu den Massenphänomenen, die unbewusstes Relikt des Archaischen ist, gibt es das bewusste Eingehen in diese Bewusstseinsstruktur. Es ist z.B. die Kultur des klösterlichen Schweigens, welches diese Bewusstseinsstruktur kultiviert und transzendiert hat. Die Kultur der Meditation, ist höchster Ausdruck des "archaischen" durch die der Mensch dazu kommt, sich mit sich selbst eins zu wissen, was bei Hegel bedeutet, mit der Weltseele ein zu sein (Phänomenologie des Geistes).

Der Gegensatz dazu ist das magische Gebet, die nächste Stufe der Bewusstseinsstruktur Gebsers. Hier steht der Mensch Gott gegenüber. Es beginnt das Zwiegespräch mit stets magischen Absichten als Bittgebet. Kultiviert wurde diese zweite Stufe in allen Methoden positivem Denkens.

"Das magische Bewusstsein ist eindimensional. Der Mensch erlebt sich eingewoben in eine übermächtige beseelte Natur, mit der er durch „Bannen und Beschwörung, Totem und Tabu“ umgeht. Alles ist gleichzeitig. Die Zeichnung des Büffels, der mit Pfeilen erlegtwird, findet zeitgleich in der Realität statt. Schamanische Rituale arbeiten noch heute mit diesem magischen Bewusstsein – wie wir feststellen müssen, mit anhaltendem Erfolg. Im magischen Bewusstsein wird unbewusst Macht ausgeübt. Wenn heute magisch agiert wird, ist es das Einfallstor für alle Arten von Missbrauch, solange das Geschehen nicht dem Bewusstsein zugeführt wird. Gerade die deutsche Geschichte ist voll davon. Doch das Magische als nicht existent abzuspalten, nimmt ihm keineswegs die Macht. Vielmehr muss es angeeignet und spirituell transzendiert werden."

"Das mythische Bewusstsein ist zweidimensional. Im Kampf um die Befreiung gegen die Übermacht der Natur löst sich der Mensch aus der Natur heraus. Er beginnt zwischen einer Außen- und einer Innenwelt zu unterscheiden. „Die mythische Struktur führt nun zu einer Bewusstwerdung der Seele, also der Innenwelt“ (a.a.0,113). Es ist das Nach-Innen-Sehen, nach Innen-Hören, die Hinwendung zur Seele, die sich in einer Fülle von Bildern manifestiert. Solche Bilder, wenn sie nicht dem Bewusstsein zugeführt werden, entfalten eine unglaubliche Wirkmächtigkeit. Die Seele nimmt in Bildern wahr, fühlt in Bildern, „denkt“ in Bildern. Alle tiefenpsychologischen Schulen arbeiten mit diesen Bildern und heben sie ins Bewusstsein. Heilung geschieht in der Hinwendung zu diesen Bildern, weil sie mit den tiefen Wahrheiten der Seele konfrontiert. Wenn wir dem nicht Rechnung tragen, drängen sie unbewältigt und ungeformt nach außen und wirken auf uns zurück. Die Gewalt- und Horrorbilder heutiger Medienwelten zeigen, welch ungebrochene Macht diese von uns mit dem mentalen Bewusstsein nicht mehr zur Kenntnis genommenen inneren Bilder haben. Auch hier hilft nur ihre bewusste Durchdringung und Überprüfung auf dem Hintergrund von Wert- und Sinnfragen, d.h. im spirituellen Kontext."

"Das mentale Bewusstsein ist dreidimensional, es kennt Zeit und Raum und entdeckt die Perspektive. Seine Anfänge reichen zurück in das vorchristliche Griechenland. An sie schließt Europa mit der Renaissance an. Erstmals entwickelt das menschliche Bewusstsein nunmehr eine Richtung. Es tritt aus dem Kreis – dem Symbol des mythischen Bewusstseins, in welchem die Dualität aufgehoben ist – heraus. An die Stelle der Dualität, die in sich noch das Versprechen der Ganzheit trägt, tritt nunmehr die Polarität. Eine Bewegung entsteht (auch in der Schrift) von links nach rechts, von der Vergangenheit zur Zukunft, vom Unbewussten hin zum Bewussten, vom Weiblichen zum Männlichen, vom Kreis zur Trennung in Subjekt und Objekt. War im Magischen die Emotion dominant und im Mythischen die Imagination, so folgt nun die Zeit der Abstraktion. Der Mensch nimmt sich heraus aus der gottgeschaffenen Ordnung. Das rationale Ich, welches analytisch zerlegt, zertrennt, zerkleinert und quantifiziert, um sich die Welt anzueignen, beherrscht nun die
Bühne."


Es sind sieben Stufen
Angesichts der beobachtbaren Kultivierungen der drei ersten Gebserschen Strukturen habe ich den Verdacht, dass sich diese vier Stufen in umgekehrter Folge in einer Aufwärtsbewegung transzendieren. Dass also die fünfte Stufe mit der bewusst gemachten dritten, die sechste mit der Zweiten und die Siebte mit der Ersten korrespondiert. Dass wir also nicht vier oder fünf, sondern sieben Bewusstseinsstrukturen haben.
Damit wäre Gebser mit allen Strukturen kompatibel, welche eine siebenteilige Weltstruktur aufzeigen, wie z. B. Jakob Böhme sieben Qualitäten, der Schöpfungsbericht, u.v.a.



Linksseitig eine Abwärtsbewegung bis zum intellektuellen Bewusstsein.Rechts eine Aufwärtsbewegung. Jede neue Stufe der Aufwärtsbewegung befähigt das Bewusstsein, über die jeweilige Stufe zu verfügen. So verfügt der fortgeschrittene Buddhist über die Stufe des Archaischen, indem er in den Zustand des archaischen Einsseins nun bewusst eintreten kann. Der bewusste Mensch erkennt, dass er mit der Magie positiven Denkens sein Schicksal beeinflusst um es zu bemeistern. Er verfügt über die magische Bewusstseinsstruktur und wird zum Herrn seines Schicksals. Auf der fünften Stufe bemeistert der Mensch die mythische Welt der Seele und wird Herr über sie. Er erkennt das Wesen der Welt als Einheit und Seele der Welt.

Werner Heisenberg bestätigt Gebsers Einteilung in seinem Vortrag: "Die Entwicklung der philosophischen Ideen seit Descartes im Vergleich zu der neuen Lage der Quantentheorie" dort sagt Heisenberg: "Die unmittelbare Verbindung mit Gott vollzieht sich in der menschlichen Seele, nicht in der Welt, und dieses Problem hat das menschliche Denken mehr als irgendein anderes in den zweitausend Jahren nach Plato beschäftigt" (Physik und Philosophie, Werner Heisenberg, S. Hirzel Verlag Stuttgart, 7. Aufl. 2007, S. 112.) Dies ist der kurze Abriss dessen, was Gebser die seelische, mythische Bewusstseinsstruktur nannte. Seelenwelt, "Es ist das Nach-Innen-Sehen" (Gebser), ist "mythische Bewusstseinnstruktur"

Heisenberg sagt: "Das wachsende Interesse für Mathematik begünstigte ein philosophisches System, das von logischen Überlegungen ausging, um in dieser Welt zu einer Wahrheit zu gelangen, die ebenso sicher war wie eine mathematische Schlussfolgerung." (Physik und Philosophie, Werner Heisenberg, S. Hirzel Verlag Stuttgart, 7. Aufl. 2007, S. 115.) Mit Descartes und der Entwicklung der Mathematik trat das ein, was Gebser die intellektuelle Bewusstseinsstruktur nannte. Gebser sah sie mit dem Aufkommen der Perspektive beginnen, Heisenberg mit Descartes Trennung zwischen Ich und Welt. Das Ich wird sich dieser Trennung bewusst und geometrisiert die Welt in perspektivischer Darstellung. Mit der Renaissance kam auch die Perspektive, damit auch die Mathematisierung und räumliches Bewusstsein. Diese Übereinstimmungen bestätigen Gebsers Philosophie einerseits. Andererseits hätte es nach Gebser nie eine individuelle Entwicklung über die jeweils vorherrschende Bewusstseinsstruktur hinaus gegeben. Diese Krux habe ich mit der oben angerissenen Kritik behoben. Buddha, Laotse, Jesus, Pythagoras, Sokrates und Andere haben ganz sicher bewiesen, dass sie eine Bewusstheit errechten, die jeweils weit über die vorherrschende Bewusstseinsstruktur hinausragte.

Eine weitere Kurzbeschreibung bei
Jean Gebser und die Bewusstseinsentwicklung
des Menschen
Pädagogische Perspektiven aus einem wenig
bekannten Werk
Thomas Marti

#3 RE: Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser von W.L. 19.01.2018 11:27

Das Integrale Bewusstsein, die fünfte Struktur der Bewusstwerdung

Jean Gebser (1905 - 1973) konnte nicht wissen, was nach der weltweiten Einführung des Fernsehens geschehen würde. Mitte der 90er Jahre folge die Einführung des Internet und dann die Einführung des Smartphones. Dass sich seine These vom "Integralen Bewusstsein" in einer Weise verwirklichen würde, wie wir sie heute sehen, ist frappierend.

"SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst der Blick aufs Smartphone die Aufmerksamkeit der Menschen?

Milzner: Zunächst kommt es zu sehr engen Reiz-Reaktionstaktungen. Eingehende Signale wollen gleich beantwortet werden. Es herrscht dabei weitgehende Unabhängigkeit von Raum und Zeit, wir können einander gefühlt rund um die Uhr erreichen. Der Nutzer bekommt den Eindruck: Wow, der Raum ist voller Möglichkeiten."

Digitale Entfremdung, Spiegel Online vom 15.01.2018

Das Integrale Bewusstsein zeigt sich zunächst in der technischen Revolution des Internet und überfordert die Individuen. Man könnte mit Hegel auch sagen, der Weltgeist wirkt. Die neuen Ideen der Verbundenheit aller Menschen manifestieren sich zunächst auf der materiell-technischen Ebene. Der Mensch wird in die "weitgehende Unabhängigkeit von Raum und Zeit", wie sie wörtlich im Spiegelinterview formuliert wurde und wie sie der Kulturphilosoph Gebser wörtlich vorhergesagt hatte, hineingezwungen.

Möglicherweise wird damit auch eine Therapie verordnet werden, welche die "Probleme mit Selbstfindungsfragen" (Spiegelinterview) lösen muss. Die unweigerlich folgende Gegenbewegung, nach einer Zertrümmerung der Konzentrationsfähigkeit durch mediale Übersättigung, wird wieder eine Kultur der Stille hervorbringen.

"SPIEGEL ONLINE: Müssen wir also achtsamer werden?

Milzner: Achtsamkeit, das reine Wahrnehmen, ist als Gegenbewegung zur digitalen Selbstentfremdung nicht ausreichend. Achtsamkeit ist zu entrückt, ihr fehlt die kraftvolle Emotion. Besser stellt man sich Fragen: Was macht mich lebendig? Möchte ich mit 80 auf mein Leben blicken und sagen, ich habe immer viele Bilder gepostet? So kann jeder für sich herauszufinden, wie man ein wildes, sinnvolles Leben im Digitalen führt. Und darum geht es."


Meditation nach der Methode von Selvarajan Yesudian und Elisabeth Haich

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