#1 Eine philosophische Betrachtung über das Intervallepfinden von W.L. 23.08.2017 11:58

Vorausgehend: Wie kam der Mensch zur Musik.

Tiere können nicht kreativ mit Musik umgehen. Höhere Tierarten erkennen zwar oft intuitiv einfache Zahlen, somit auch musikalische Intervalle und logische Zusammenhänge, sie können jedoch nicht über bloße biologische Bedürfnisse hinaus kreativ damit umgehen. Motivation bei allen Tierarten sind bilogische Motive wie Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme.

"Wir nennen Musik nicht das Hervorbringen von Tönen überhaupt, sondern von gewissen Anordnungen der Töne, seien sie noch so einfach. Und dabei ist es für die Musik im menschlichen Sinne ein ganz wesentliches Merkmal, dass diese Anordnungen unabhängig von der absoluten Tonhöhe [transponiert] wiedererkannt und wiedererzeugt werden können."
Die Anfänge der Musik von Carl Stumpf, S.10

Das Intervallempfinden ist dafür verantwortlich, dass der Mensch transponieren kann und Intervallempfinden beruht auf intuitivem Erfassen von Zahlenproportionen
Erklingen beispielsweise zwei Töne 100 Hz und 200 Hz, so erkennen wir ein Oktavintervall. Erklingen 72 Hz und 144 Hz, so erkennen wir ebenfalls ein Oktavintervall. Der Grund hierfür ist, dass die Tonverhältnisse 100 Hz / 200 Hz = 72 Hz / 144 Hz = 1 / 2. dieselben sind. Zu beachten ist, dass sich die physikalische Einheit Hz (Herz), Schwingungszahl je Sekunde weg kürzen.
Siehe dort: https://www.amazon.de/Zahl-Seele-Kosmos-...r/dp/3940392316

Ich will das nochmals klar machen. 100 Hz / 200 Hz = 100 / 200 = 1 / 2. Würden wir die Einheit Hz belassen, so käme am Ende etwas heraus, was wir gar nicht hören könnten, 1 Hz / 2 Hz. Das wäre also deutlich falsch. Dass nun die Einheit Hz entfällt, sagt uns, dass wir es nicht mehr mit einem physikalischen Phänomen zutun haben. Wir empfinden tatsächlich das Zahlenverhältnis 1/2 oder 1:2. Dieses löst die Empfindung eines Oktavintervalls aus und befähigt uns dazu zu transponieren.



Tiere mögen das Intervallempfinden in rudimentärer Weise besitzen, wenn sie etwa von Musik angetan sind, sie können jedoch nicht bewusst und aktiv damit umgehen, wie der Mensch dies tut.

Wenn also Vögel nicht transponieren können, so liegt ganz offenbar daran, dass sie keine Zahlenproportionen erkennen können. Daher ist auch klar, dass die Wissenschaft keine eindeutigen Nachweise erbringen kann, dass Vögel in musikalischen Intervallen singen.

“Unsere Befunde erklären, warum diese Vogelart so eine prominente Rolle in der Mytholgie und Kunst spielt. Unsere Entdeckung bedeutet aber nicht, dass Vogelgesang generell wie menschliche Musik aufgebaut ist - es gibt ungefähr 4000 verschiedene Singvogelarten und jede hat ihre eigene Art zu singen, einige sind dabei geradezu unmusikalisch,“ sagt Henrik Brumm, Forschungsgruppenleiter in Seewiesen. Quelle: Musik aus dem Regenwald
Forscher finden erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Vogelgesang und menschlicher Musik


Das unterscheidet den Menschen grundsätzlich vom Tier. Der Mensch betreibt Wissenschaft, Kunst und Philosophie und er hat sich damit von der Natur entfernt und distanziert. Er ist nicht mehr unbewusster Teil der Natur und sucht sie nun aus seiner intellektuellen und ästetischen Sicht bewusst zu machen und zu erfassen.

Siehe auch: Wie kam der Mensch zur Musik.

#2 RE: Eine philosophische Betrachtung über das Intervallepfinden von W.L. 25.08.2017 11:18

Musik zählt zu jenen Leistungen, die für das Überleben und die Existenzsicherung, nicht notwendig sind. Man kann das Hören und das Gestalten von Musik nur schwerlich als evolutionären Vorteil ansehen. Damit zählt Musik zu den Geistesleistungen, die den Menschen über die Evolution hinaus erheben. Dazu zählt auch die zweckfreie Wissenschaft, mit dem Ziel reiner Erkenntnis, wie auch die Philosophie und die Kunst.

Das ist der wesentliche Unterschied zu den Intelligenzleistungen der Tiere ( Bienen , Vögel ) die ausnahmslos zweckgebunden sind. Nur der menschliche Geist ist in der Lage sich über den Zweck zu erheben. Diese Fähigkeit ist bei vielen Menschen allerdings nur rudimentär ausgeprägt. Nicht was ein Mensch tut, ist entscheidend, sondern warum er es tut.

Der Zusammenhang zwischen dem Erkennen und Gestalten der Zahlen und Musik (Intervallempfinden, Transponieren) führt auf den kantschen Begriff des Apriorischen (nicht aus sinnlicher Erkenntnis ableitbar) und somit nur schwerlich evolutionär erklärbar. Kant leitet aus den mathematischen Fähigkeiten auch die synthetischen Urteile Apriori her, das ist jene Erkenntnis, die nicht aus der sinnlichen Erkenntnis resultiert. Hier liegt also der zentrale Punkt der kantschen Kritik der reinen Vernunft und das Argument, das gegen eine reine Abkunft des Menschen aus der Evolution, wie wir sie heute verstehen, spricht.

Anmerkung: Es ist im Übrigen das Verdienst Kants, diese bis heute gültige Kritik, ohne das Heranziehen von Religion zu vollbracht zu haben. Darin ist Kant einer der bedeutenden Philosophen der Aufklärung. Die Aufklärung ist auch das, was die Moderne ausmacht nämlich die Überwindung religiöser Bindungen, ohne den Verlust an deren sozialen Errungenschaften. Das ist etwas, was wir uns heute und gerade im Zentrum Europas wieder bewusst machen müssen.
-> Bewusstseinsentwicklung

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