#1 Bewusstsein als Problem der Wissenschaft von W.L. 28.12.2017 14:10

Um die Schwierigkeiten, mit denen es die Wissenschaft an diesem Forschungsobjekt zutun hat, an einem Beispiel klar zu machen, ein Zitat aus einer Seminararbeit am Departement für Psychologie Universität Freiburg (CH). Dort heißt es unter Punkt 2.2. "Arbeitsgrundlage"

"Zweitens nehmen sie vorläufig an, dass jedem Aspekt von Bewusstsein, wie zum Beispiel Schmerz oder Denken, ein gemeinsamer fundamentaler Mechanismus zu Grunde liegt."
Neuronale Korrelate des Bewusstseins
- aktueller Forschungsstand und deren Identifizierung - , S.6


Schon diese Annahme aus einer Seminararbeit vom 30.6.2009 zum Thema "Neuronale Korrelate des Bewusstseins - aktueller Forschungsstand und deren Identifizierung" erwies sich als falsch, denn 2016 erschien der folgende Artikel in Spektrum, der zeigte, dass es keine solchen "Mechanismen" gibt und Schmerz keine neuronale Signatur hinterlässt:
HIRNFORSCHUNG:
Neuronale "Schmerzsignatur" erweist sich als Phantom


Schmerz ist hochgradig aufmerksamkeitsgesteuert. Man kann den Schmerz einer Verbrennung auch dadurch auslösen, wenn man einen Probanden in die Erwartungshaltung bringt, verbrannt zu werden und ihm dann Eis auf die Haut legt. Das Bewusstsein hat also die Fähigkeit sich etwas einzubilden, ohne dass es physisch existent ist. Bewusstsein erzeugt so gewissermaßen seine eigene Realität. Der Placeboeffekt zeigt deutlich, dass das Bewusstsein vermittels Einbildung und Glauben körperliche Beschwerden zum Verschwinden bringen kann. Bewusstsein ist also nicht nur das Produkt von Gehirnfunktionen, sondern es übernimmt eher dessen Steuerung.

Das Bewusstsein ist nicht Produkt von Gehirnfunktionen, sondern Bewusstsein nutzt Gehirnareale für seine Aktivität:

Die Hirnaktivität als Ganzes geht mit Bewusstsein einher und korreliert mit diesem. Das ganze Hirn als Korrelat des Bewusstseins zu betrachten ist jedoch kein aufschlussreicher Ansatz. Viele unserer Hirnregionen sind zum Beispiel nicht notwendig für eine phänomenale Wahrnehmung. Lässt man diese Aktivitäten außer Acht, reduziert sich das Korrelat auf nur diejenigen Aktivitäten, welche auch wirklich im Bezug zum Bewusstsein stehen (Koch, 2005).
Neuronale Korrelate des Bewusstseins
- aktueller Forschungsstand und deren Identifizierung - , S.7


Wissenschaftlich gängige Interpretation der obigen Aussage ist jedoch, dass das Gehirn die Voraussetzung schafft, um Bewusstsein zu ermöglichen. Ein Fehlschluss, denn wer soll dem Gehirn sagen, dass nun gewisse Gehirnareale benötigt werden?!

Eine wichtige Funktion üben die bewusstseinsermöglichenden Faktoren (NCCe) aus. Koch nennt hier eine hinlängliche Blutversorgung (a), ohne welche der Mensch innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verliert. W

Wenn das Gehirn nicht mehr in der Lage ist, Bewusstsein zu ermöglichen, so bedeutet das nicht, dass Bewusstsein dem Gehirn entspringt. Es bedeutet aber, dass die Form unseres Bewusstseins gewisse Gehirnfunktionen benötigt. Ist dies nicht mehr gegeben, so fährt das Bewusstsein in eine Art Schlafmodus, den wir Bewusstlosigkeit nennen. Dass dem so ist, das beweist die Tatsache, dass Bewusstsein wieder hergestellt wird, wenn das Gehirn dessen Funktionen wieder ermöglicht. Das Gleiche geschieht im Tiefschlaf. Auch der Tiefschlaf zerstört die Kontinuität des Bewusstseins nicht. Beim Erwachen sind wir wieder der oder die, der respektive die wir vorher waren (s.u. Punkte fünf und sechs). Das führt uns zu den grundsätzlichen Problemstellungen einer wissenschaftlichen Untersuchung des Bewusstseins.

Churchland (1997) schlägt vor, Bewusstsein erst einmal auf sieben wichtige Eigenschaften zu begrenzen, um ihm eine provisorische Struktur zu geben. So ist Bewusstsein
- erstens stets mit einer Gedächtnisform verbunden, da wir den eigenen physischen und psychischen
Zustand mit einem Gefühl für Zeit wahrnehmen, welches zumindest ein Kurzzeitgedächtnis
benötigt.
- Zweitens muss Bewusstsein unabhängig von sensorischer Wahrnehmung sein, denn auch ohne irgendwelche Sinnenseindrücke haben wir zumindest kurzzeitig Bewusstsein.
- Drittens lässt sich Bewusstsein aktiv durch Aufmerksamkeit und Konzentration steuern.
- Viertens beinhaltet es die Fähigkeit zur komplexen Interpretation uneindeutiger Fakten.
- Fünftens verschwindet Bewusstsein im Tiefschlaf
- und taucht sechstens beim Träumen wieder auf.
- Als siebten und letzten Punkt nennt Churchland die Eigenschaft mehrere sensorische Modalitäten als einen Bewusstseinszustand wahrnehmen zu können.

Neuronale Korrelate des Bewusstseins
- aktueller Forschungsstand und deren Identifizierung - , S.5


Meiner Auffassung nach hat die Philosophie mehr zum Verständnis des Bewusstseins beigetragen, als die Neurowissenschaften. Ich würde also jemandem der sich mit Bewusstsein befasst empfehlen, etwa Kant und Hegel zu studieren, bevor man sich mit Neurowissenschaften abgibt. Ein Beispiel:

Hintergrundbewusstsein und Aktualbewusstsein
Roth (2002, 2007) differenziert weiter zwischen Hintergrundbewusstsein und Aktualbewusstsein. Unter Hintergrundbewusstsein versteht er andauernde Gefühlserfahrungen wie das Gefühl eines eigenen Körpers, einer eigenen Identität und der Kontrolle über die körperlichen und geistigen Handlungen, sowie das Wissen, wo man sich im Bezug auf Raum und Zeit befindet. Das Aktualbewusstsein baut auf diesen Zuständen auf. Es handelt sich hierbei um schnell wechselnde Zustände wie geistige Tätigkeiten, Emotionen, Affekte, Bedürfnisse, Wünsche, Absichten, Willensakte, bewusste Sinneswahrnehmungen und
Aufmerksamkeit. Hauptsächlich die beiden letzteren Bereiche sind für die Bewusstseinsforschung der NCC relevant, da diese beiden Bereiche einen geeigneten Zugang für eine empirischen Untersuchung bieten.

Neuronale Korrelate des Bewusstseins
- aktueller Forschungsstand und deren Identifizierung - , S.5


Aktualbewusstsein, oder Hegels 'sinnliche Gewissheit'
Um diese beiden Bewusstseinsformen zu verstehen, lesen wir Hegels erstes Kapitel der Phänomenologie des Geistes. Darin unterscheidet Hegel zwischen der "sinnlichen Gewissheit", die stets auf die aktuellen Phänomene des Bewusstseins abhebt wie etwa die Tageszeit, den aktuellen Ort, die Blickrichtung, etc. Das ist es, was oben unter "Aktualbewusstsein" zu verstehen ist.

Hintergrundbewusstsein, oder Hegels 'Allgemeines'
Hegel zeigt nun auf, dass es einen Beobachter geben muss, der alle diese wechselnden Sinneswahrnehmungen registriert, ohne selbst von ihnen beeinflusst zu sein. Hegel nennt es das "Allgemeine". Er versteht darunter allerdings nicht "andauernde Gefühlserfahrungen wie das Gefühl eines eigenen Körpers" sehr wohl aber die "eigene Identität" und die "Kontrolle über die körperlichen und geistigen Handlungen", wie oben unter "Hintergrundbewusstsein" angegeben.

Auch Kants Schematismus ist durch die Neurowissenschaften längst bestätigt. So hegen wir etwa ein Schema in unserem Bewusstsein, wenn wir alles, was vier Beine und einen Kopf besitzt, sofort als Tier identifizieren. Kants Epistemologie (Erkenntnistheorie) ist durch die Neurowissenschaften bis heute lediglich bestätigt worden.
-> Kant und die Neurowissenschaften

Bewusstsein bleibt für immer ein ungelöstes Problem der Wissenschaft
Grundsätzlich ist Bewusstsein als immerwährendes Subjekt (Ich) nicht objektivierbar. Nehme ich das Subjekt als Objekt um es "wissenschaftlich" zu untersuchen, so ist niemand mehr da, der wahrnimmt. Somit erweist sich das Bewusstsein als ein Problem, das sich wissenschaftlich objektivierender Untersuchung auf immer entziehen wird.
Siehe auch: planet-wissen/hirnforschung

Goethe hatte dieses Problem im Faust ironisch formuliert:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band.




-> Warum der Geist unerkennbar ist

Das Grundproblem liegt in der wissenschaftlichen Haltung, nur das anzuerkennen, was messbar ist und messend untersucht werden kann (Naturwissenschaftlicher Positivismus).

Sehen wir Dinge oder nur Phänomene (Erscheinungen, Kant)?
(Das Problem von Innen und Außen)


Wenn wir die Welt betrachten, so meinen wir, Dinge zu erkennen. Diese Dinge sind jedoch stets durch unsere Sinne vermittelt (Kant). Erst die zugehörigen Schemata, und die Begriffe, die aus uns selbst kommen (Transzendenz, Kant), machen die Objekte unserer Wahrnehmung aus. Was aber ist Ursache dieser Begrifflichkeiten, aus denen wir die Welt zusammensetzen?

Kant und Quantenphysik
Kant hat in seiner "Kritik der reinen Vernunft" bereits etwas vorweggenommen, was im 20. Jahrhundert mit der Unschärferelation bewiesen wurde. Kant sagt, Urheber der Sinneseindrücke ("Sinnlichkeit") sei das "Ding an sich". Danach werde im Erkenntnisprozess nicht gefragt und darüber ist nichts aussagbar. Dieses "Ding an sich" ist zu den Objekten der Quantenphysik geworden. Ein Elektron, das sich im Atom befindet, hat keinen Ort mehr, sondern einen Wert, der die Aufenthaltswahrscheinlichkeit angibt. Der Raum, in dem es anwesend ist, das Orbital, ist eine Funktion der Aufenthaltswahrscheinlichkeit mit nach außen hin abnehmender Wahrscheinlichkeit. Es ist kein definitiver Ort, an welchem sich ein Elektron befindet. Ort und Impuls des Elektrons entstehen erst durch Messung. Diese Messung hat als Extremfälle entweder einen exakten Ort und einen verschmierten Impuls oder umgekehrt. Ernst Mach sagte dazu: man solle keine "Dinge" hinter den Phänomenen (Erscheinungen) erfinden (C.F. Weizsäcker, Die Einheit der Natur, dtv, 1995, S. 228) . Kant sagte zum "Ding an sich", dass es wohl die Phänomene (Erscheinungen) verursache, aber selbst keine Erscheinung sei. Wenn wir im Sinne Kants von Erkenntnis der Welt sprechen, so sprechen wir stets von "Erscheinungen" und nicht von Dingen. Kant resümiert:

"Denn wenn wir von allen Bedingungen der Anschauung [Das, was die Sinne liefern, noch bevor Begriffe dazu kommen] abstrahiert haben, so bleibt uns freilich im bloßen Begriffe nichts übrig, als das Innere überhaupt, und das Verhältnis derselben untereinander, wodurch allein das Äußere möglich ist. (KrV. B340)

Zunächst sehen wir hier, dass die Welt die wir aus Begriffen und mit Logik zusammensetzen nicht außerhalb unseres Bewusstseins existiert. Es gibt keine äußere Welt, es gibt nur die sinnliche Welt, die wir aber verinnerlichen, sobald wir sie betrachten. Es kommt also primär darauf an, wie wir auf die sogenannte äußere Welt reagieren und wie wir sie beurteilen. All dies macht die sogenannte äußere Welt aus. Sie ist in Wirklichkeit in uns.

Diese Notwendigkeit aber, die sich allein auf Abstraktion gründet, finden nicht in den Dingen statt, sofern sie in der Anschauung mit solchen Bestimmungen gegeben werden, die bloße Verhältnisse ausdrücken, ohne etwas Inneres zum Grunde zu haben, darum, weil sie nicht Dinge an sich selbst, sondern lediglich Erscheinungen sind. (KrV. B340)

Kant hatte also das Problem der Quantenphysik durch logische Analyse des Erkenntnisprozesses vorhergesehen. Die äußere Welt (Atome) sind Potenzialfelder. Elektronen werden erst zum Teilchen bzw. zur Welle, wenn sie gemessen werden. Unser Bewusstsein erschafft durch Logik ("bloße Verhältnisse", Kant) die Welt. Diese äußere Welt aber muss wohl unserer Logik irgendwie folgen, sonst könnten wir sie nicht real und sinnvoll beschreiben. Ihr Wesen aber ist Potenzialität oder Geist. Kant nannte es "Ding an sich"

#2 RE: Bewusstsein als Problem der Wissenschaft von W.L. 29.12.2017 10:07

Der Bäcker, Straßen, die Kanalisation, kurz, alles, was Zivilisation schafft, sind kollektive Bewusstseinsformen zu deren Realisation Materie genutzt wird. Materie ist Potenzialität und somit Geist. Die Natur formt materielle Manifestationen verschiedener Bewusstseinsformen, als da sind: die kristalline Bewusstseinsform, die pflanzliche, tierische, menschliche Bewusstseinsform.

Primär an den Formen zivilisatorischer Manifestationen ist nicht deren materielle Existenz, sondern ihre Wirkung auf unser Bewusstsein. Primär an dieser Wirkung ist, wie wir darauf reagieren.

Nicht die Welt formt uns, sondern wir formen die Welt in und durch unsere mentale Haltung und die Reaktion auf die Welt.

Information ist die erste Manifestation der reinen Potenzialität. Sie äußert sich als Proportion -> Harmonikale Betrachtungen über die modernen Vorstellungen vom Atom

Musik ist Ausdruck dieser ersten Manifestation von Potenzialität. Sie ist dem Ursprung am nächsten.

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