#1 Realismusargumente versus Kants Kritik der reinen Vernunft von W.L. 20.01.2018 13:58

Der Begriff Realismus umfasst eine Vielzahl philosophischer Positionen, nach denen vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Phänomene existieren, die auf uns einwirken und die wir sprachlich bezeichnen können.

Kants Kritik der reinen Vernunft besagt, dass das was die Sinne rezipieren, was also ein Gegenstand sinnlich ist, und das, was er an sich ist, vollkommen unterschiedliche Dinge sind. Letztlich bleibt von der Annahme, da draußen sei ein Gegenstand nur das "Ding an sich", über welches nichts aussagbar sei und nach welchem im Erkenntnisprozess auch nicht gefragt werde.

Der Realismus allerdings sagt etwa Folgendes: "Was ferner den Einwand angeht, dass es wirklich starre Körper in der Natur nicht gibt und dass also die von solchen behaupteten Eigenschaften gar nicht die physische Wirklichkeit betreffen, so ist er keineswegs so tief greifend, wie man bei flüchtiger Betrachtung meinen möchte. Denn es fällt nicht schwer, den physikalischen Zustand eines Messkörpers so genau festzulegen, dass sein Verhalten bezüglich der relativen Lagerung zu anderen Messkörpern hinreichend eindeutig wird, sodass man für den 'starren' Körper substituieren darf. Auf solche Messkörper sollen die Aussagen über starre Körper bezogen werden." Meschkowski, Herbert; Lust an der Erkenntnis, Moderne Mathematik, Piper, München, 2000, S. 88

Damit ließe sich zeigen, dass Geometrie nicht ein Konstrukt menschlicher Erfindungsgabe sei, sondern aus der Erfahrung abgeleitet wurde. -> Realismus

Zu bedenken ist, dass der Urmensch, niemals auf die Idee gekommen ist, "Messkörper" zu konstruieren, um zu beweisen, dass die euklidische Geometrie aus der Erfahrung hergeleitet werden kann. Die Erfahrung des Urmenschen war hingegen, dass weder Erde, noch Pflanzen, Wasser oder Wind starre Körper sind. Der Begriff "starr" hatte eine völlig andere Bedeutung. Möglicherweise verband man den Tod damit. Die bloße Naturbetrachtung liefert keinesfalls eine euklidische Geometrie, legt diese nicht einmal nahe.

Erst mit der Zielsetzung zu beweisen, alle Geometrie sei aus der Erfahrung gewonnen, fängt man an einen "hinreichend starren Körper" zu konstruieren. Das Pferd wird von hinten aufgezäumt. Außerdem ein klassischer Zirkelschluss. Zuerst wird ein Körper konstruiert, der den Bedingungen genügt die man haben will. Dann folgert man, dieser Körper habe diese Bedingungen.

Nun könnte wieder einwenden werden, der erste Mensch, der einen Zollstock als Messgerät einsetzte, habe am Holz, das den Zollstock bildet, erkannt, dass es sich nicht wesentlich in seiner Länge ändere und darauf aufbauend habe sich die Vorstellung von einem euklidischen Raum aus Beobachtung herausgebildet.

Dieser nicht endenwollenden Argumentation des Für und Wider hat Kant ein Ende gemacht. Er zeigte, dass JEDE Apperzeption zuvor einen Begriff haben muss, um zu einem Urteil, zu einer Schlussfolgerung zu kommen. Also auch der erste Mensch, der einen Zollstock fertigte, hatte vorher, a priori eine Idee und führten diese danach aus, und dessen Vorgänger ebenfalls. Damit sollte dieser Streit eigentlich beigelegt sein.

Richtig ist: Die Idee des "starren Körpers", wie jede andere Idee war vorher, im Sinne Kants a priori schon da. Dann erst kann man annähernd "starre Körper" oder andere Verwirklichungen einer Idee konstruieren.

Das, was von den Objekten außerhalb unserer Wahrnehmung bleibt, sind Quantenfluktuationen, wie wir heute wissen. Kant nannte es "Ding an sich, worüber nichts aussagbar ist". Es ist also keineswegs so, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen. Vielmehr bestimmt das Bewusstsein, was für uns Realität ist:

"Von der Art unseres Bewusstseins hängt die Art dessen ab, was wir Wirklichkeit nennen."
Gebser, Jean; Gesamtausgabe Bd. 5/2, Novalis, 1986, S. 64

Die Philosophie des Realismus ist das Ergebnis der mentalen Bewusstseinsstruktur, wie sie von Jean Gebser beschrieben wurde. Es ist die Philosophie Descartes, welche die Trennung von Ich, Welt und Gott postulierte. Sie prägte eine Epoche, die nun aufgrund der quantenphysikalischen Erkenntnisse ihr Ende finden wird. Sie ist keinesfalls eine absolute Wahrheit, sondern lediglich ein kollektiver Bewusstseinszustand, den es in dieser Form vorher nicht gab und nach dem Ende dieser Epoche nicht mehr geben wird.
-> Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser

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