#1 Die Vorstellungen über die steinzeitlichen Gesellschaften wandelten sich in den letzten Jahrzehnten drastisch von W.L. 30.01.2018 16:46

Das Paläolithikum war die Zeit der Jäger und Sammler. Menschen lebten in Höhlen und malten Tiere zu magischen Zwecken an die Höhlenwände, um sie zu bannen und schließlich zu erlegen. Das war die Zeit der "Magischen Bewusstseinsstruktur", wie Jean Gebser sie an Beispielen von Malereien und Ritualen in seinem Werk Ursprung und Gegenwart schildert. Doch Gebser hält sich zurück, was die Datierung dieser Zeit betrifft. Der Kulturphilosoph verstarb 1973 und konnte die folgende Entwicklung in der Archäologie nicht vorhersehen. Hatte er sich geirrt?
-> Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser

Ganz sicher nicht, denn die Datierung der einzelnen Bewusstseinsprozesse ist nicht primär Gegenstand seiner kulturphilosophischen Abhandlung, sondern deren Inhalte. Die Archäologie bestätigt Gebser indirekt, indem sie seine Begriffe benutzt, ohne sie aus Gebsers Werk zu kennen. Das Magische und das Mythische wird unterschieden.

Die Funde der Vogelherdhöhle in der Schwäbischen Alb sind seit 1939 bekannt. Gebser musste sie gekannt haben.

Doch 1979 fand man eine 35.000 Jahre alte Flöte und eine Menschenfigur mit Löwenkopf. Daraus resultierte:
"Sie waren allerdings keine tumben Urmenschen, sondern kulturell komplett entwickelte Menschen. Teil ihres Alltags waren auch Schmuck, Kunst und Musik – Musik, die in Melodien gespielt wurde."
Weitere Funde


Die Reliefs der Magdalénien Kultur und die Bilder in der Höhle von Lascaux haben ein Umdenken in der Archäologie bewirkt. Die Bilder und Reliefs sind nicht magischer Natur, dienten nicht dem Bannen von Beutetieren, wie Jean Gebser und die Archäologie der 50er und 60er Jahre noch angenommen hatten. Sie waren Ausdruck von Kunst und Kultur.

Siehe auch: Ursprünge der Kunst: Höhlenmalereien der Neandertaler gefunden
Nur Neandertaler können hinter den Felsmalereien stecken, die Forscher jetzt in Spanien untersuchten. Damit stellt sich die Frage: Waren wir ihnen geistig überhaupt je überlegen?



Links die Rekonstruktion eines Neandertallers, rechts ein Magdalenien Mensch.
Die Vorstellung, es habe vor 15.000 Jahren weitgehend einheitliche Populationen gegeben, ist offenbar falsch. Der Magdalenien Mensch unterscheidet sich kaum von einem modernen Menschen.

Kultur entwickelte sich also schon in den Gesellschaften der Jäger und Sammler. Allerdings war diese Kultur eine implizite, nach innen, der Gruppe zugewandte Kultur. Sie griff nicht auf die Landschaft aus. Diese war lediglich der Hintergrund dieser Gruppen, die sich nomadisierend durch die Gegenden bewegten.

Die Formulierung des Identitätsgefühls der archaischen Bewusstseinsstruktur (Urvertrauen) ist Kultur

Um Gebsers Modell von den Bewusstseinsstrukturen anzuwenden: Das dominierende Lebensgefühl dieser Gesellschaften war die Identität mit dem Clan. Dieses Identitätsempfinden, das wir heute als Urvertrauen bezeichnen würden, entspricht Gebsers erster Bewusstseinsstruktur, der archaischen Bewusstseinsstruktur.

Diese wurde über die Jahrtausende ausformuliert. Man weiß heute aufgrund der Funde, dass die Jäger und Sammler Musik, Tanz, kannten. So haben diese Menschen also das entwickelt, was wir heute Kultur nennen. In dieser finden sich archaische, magische und mythische Elemente. Das Dominierende war jedoch das Identitätsbewusstsein, aus welchem die Kultur als identitätsstiftende Struktur entstand.

Das konnte Jean Gebser nicht wissen. Doch seine Philosophie ist auf frappierende Weise anwendbar. Die erste archaische Stufe gestaltete sich implizit aus.

Erst mit der Sesshaftwerdung, begann der Mensch Kultur so zu verstehen, dass er die Landschaft umgestaltete. Damit wurde Kultur explizit. Deren erste Äußerung, war nach Gebser das Magische. Es war dominierend für die ersten sesshaften Gesellschaften. Der Mensch bemächtigte sich der Natur durch Ackerbau, Viehzucht, Häuser und Siedlungsbau und schuf die monumentalen Bauwerke des Neolithikums. Stonenenge, Newgrange, Goseck. Macht ist das Charakteristikum der magischen Bewusstseinsstruktur, die auf die archaische folgt. Im mittleren und späten Neolithikum, vor allem mit der Gewinnung von Metallen sind auch erste kriegerische Auseinandersetzungen dokumentiert. Krieg ist eine zwangsläufige Folge von Macht und zählt zur magischen Bewusstseinsstruktur.



#2 RE: Die Vorstellungen über die steinzeitlichen Gesellschaften wandelten sich in den letzten Jahrzehnten drastisch von W.L. 31.01.2018 09:41

Der Eurozentrismus in der Forschung

Die meisten Darstellungen richten sich nach den Funden in Europa und im Fruchtbaren Halbmond, einem Gebiet, das vom Zweistromland bis nach Palästina reicht. In Asien jedoch entstand Sesshaftigkeit nicht in der Folge von Ackerbau und Viehzucht. Die ersten Hütten und Siedlungen wurden von Jägern und Sammlern gebaut und waren jagdbedingt nur saisonal bewohnt.
Es verfeinerte sich jedoch zeitgleich mit der Sesshaftwerdung in Europa, die Qualität der Bearbeitung von Steinwerkzeugen und es wurde Keramik hergestellt. Heute geht man davon aus, dass wir es mit dem Neolithikum mit einer globalen Veränderung zu tun haben.
Parzinger, Hermann ;Die frühen Völker Eurasiens: vom Neolithikum bis zum Mittelalter, C.H.Beck, S. 41

Der Philosophie Gebsers zufolge handelt es sich um eine Bewusstseinsveränderung. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass für den Schritt in die Neolithisierung nicht umweltbedingte Ursachen verantwortlich waren, sondern die Religion. Das schlagende Argument dafür lieferte die Ausgrabung bei Göpekli Tepe. Dort fand man Tempelanlagen aus der Zeit um 9500 v. Chr. ohne jeden Hinweis auf Sesshaftigkeit. Man geht davon aus, dass die Anlage von Jägern und Sammlern besucht wurde. Die Errichtung dieser Tempelanlage erforderte jedoch bereits eine Arbeitsteiligkeit und Organisation, wie sie bisher nur von sesshaften Gruppen bekannt war.

"Erst kam der Tempel, dann kam die Stadt."
Klaus Schmidt, Entdecker von Göpekli Tepe
Göbekli Tepe - die Wiege der Zivilisation?

Von der archaischen zur magischen Bewusstseinsstruktur
Dualität als Metapher des Linearen
(Jean Gebser)


Geht man von einem Bewusstwerdungsprozess aus, der intrinsisch getrieben ist, so können sich die Äußerungen dieses Prozesses unterschiedlich zeigen. In Asien durch den Bau von Siedlungen. In Göpekli Tepe durch die Manifestation einer steinzeitlich entwickelten Religiosität als Tempelanlage. Bedeutsam dabei ist nicht die Form der Äußerung, sondern dass es aus den jeweiligen Clans heraus zum Ausgreifen gruppeninterner Entwicklungen hin zum Gestalten der Umwelt kam.

Dualitäten als Metapher des Linearen
Diese Entwicklung ist in Gebsers Sinne der Schritt in die magische Bewusstseinsstruktur. Dazu gehören alle dualen Erscheinungen. Es kam zu Hierarchien als Ausdruck des Dualismus Macht und Unterwerfung. Es kam zu Kriegen als Ausdruck der Dualität von Sieger und Besiegtem. Die Religion dürfte sich von einer Einheitsgetragenen archaischen Form zur Angstreligion mit Opferriten entwickelt haben. Hier tritt die Dualität zwischen Gott und Gläubigem als Dualität von Herrscher und Unterworfenem hervor.

Die Äußerungen der magischen Bewusstseinsstruktur erscheinen als Dualitäten und entsprechen der Metapher des Linearen. Daher stellte sich der Mensch nun seiner Umwelt gegenüber und entwickelte den Drang diese als Macher und Herrscher (Schöpfer-Geschöpf) zu gestalten. Auf diese Weise ist die Entwicklung zu einer hierarchischen Gesellschaft (Herr-Diener) eine Projektion dieser Haltung in die eigene Gruppe hinein. Ebenso entstanden Kriege als Projektion dieser Haltung gegen andere Clans (Sieger-Besiegter). Zwar kam es auch in paläolithischer Zeit zu Auseinandersetzungen, jedoch nicht als Massenphänomene.

Das Neolithikum als psychodynamischer Prozess
Viele der Deutungen, die von Umwelteinflüssen ausgehen sind nicht schlüssig. Sie erklären nicht, weshalb das Neolithikum weltweit einsetzte und warum es unterschiedliche Formen dieser Entwicklungen gab. Das Neolithikum könnte auch als eine Form der kollektiven Sättigung von Clanerfahrungen des Paläolithikums gedeutet werden. Daraus entwickelte sich eine weltweite Psychodynamik, die einen Bewusstwerdungsprozess in Form einer Mutation (Gebser) in Gang setzte.

#3 RE: Die Vorstellungen über die steinzeitlichen Gesellschaften wandelten sich in den letzten Jahrzehnten drastisch von W.L. 31.01.2018 11:37

Das Versagen der Medien in der Darstellung von Wissenschaft

Die archäologische Forschung ist seit Jahrzehnten bemüht, schlüssige Erklärungen zu liefern, warum sich die Entwicklung zum modernen Menschen vollzogen hat. Die Forschung belegt die Hypothesen mit zahlreichen Funden aus Europa und dem Vorderen Orient. Dabei treten entscheidende Fragen in den Hintergrund. Warum verblieben die nordamerikanischen Indianer bis ins 19. Jahrhundert auf der Stufe der Jäger und Sammler. Ebenso die Aborigines Australiens. Warum kam es am Ende nur in Europa zur Fortsetzung einer mittelalterlichen Gesellschaft hinein in die Moderne, während China, Ägypten, Mesopotamien schon früh einen höheren Stand der Kultur erreichten als das Mittelalter in Europa. Besonders in den Medien wird der Eindruck vermittelt, als habe man diese Entwicklungen längst verstanden. Eine Behandlung verschiedener Hypothesen, wie etwa bei Wikipedia (Neolithische_Revolution/Theorien), wird unterschlagen.

Wie auch in der Politik, versagen Medien auch in der Wissenschaft.

Die Frage ist, ob das Hintertreiben wissenschaftlicher Diskussionen zugunsten einer einzigen These, System hat. Feszustellen ist:
Es geht um Eingängigkeit zugunsten von Verdummung.
Es geht um die Deutungshoheiten materialistischer Weltbilder.

Eine Film, in dem unumwunden zugegeben wird, dass die Ursache für die neolithische Revolution im Dunkel liegt.



Die ab min 27:43 erzeugte Schere zwischen Text und Bild in dieser Doku ist irreführend. Keinesfalls war es im Neolithikum üblich Tote zu verbrennen. Funde von Brandspuren in einigen Gräbern die von "nach Abschluss der Beilegung angelegten Feuern stammen dürften. Derartige reinigende Feuer kennen wir auch gut dokumentiert von zeitgleichen Ganggräbern in Frankreich",
Meller, Harrald (Hrsg.); Strahm, Christian; 3300 BC mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt; Das 4. Jahrtausend v. Chr. - Reformationen im Totenritual; Halle (Saale), 2013, S. 61
Feuerbestattungen waren im Neolithikum nicht üblich, sondern bestenfalls die Ausnahme. Die überwiegende Mehrheit der Funde zeugen davon, dass die Menschen in dieser Zeit in Gräberfeldern beigelegt wurden.

Was in der Dokumentation nicht erwähnt wird: Bis heute feiern wir das germanische Fest der Wintersonnwende. Die frühen christlichen Missionare legten den Tag der Geburt Christi nicht zufällig auf den 24. Dezember, nahe der Wintersonnenwende (21. Dezember). Der Christbaum ist ein altes heidnisches Relikt. Weihnachten ist eindeutig ein germanisches Fest, das bis heute tradiert wurde. In den Kreisgrabenanlagen wurde eben dieser Tag der Wintersonnwende genau bestimmt und vermutlich in dieser Zeit auch schon gefeiert. Das Gleiche gilt auch für die Sommersonnwende.

#4 RE: Die Vorstellungen über die steinzeitlichen Gesellschaften wandelten sich in den letzten Jahrzehnten drastisch von W.L. 04.02.2018 17:53

Die Bewusstseinsstrukturen nach Gebser noch strenger definiert.

Durch die Strenge der Definition können weitere Erscheinungen der Bewusstseinsstrukturen zugeordnet und diese Zuordnungen bis in unsere Zeit hinein, als solche erkannt werden. Auch die zeitliche Einordnung des Übergangs von der archaischen zur magischen Struktur, als neolithischen Revolution, gelingt somit.

Hier die magische Struktur
Genauer gesagt ist die magische Bewusstseinsstruktur gekennzeichnet durch alle bikonditionalen Erscheinungen
(<-> Äquivalenzoperator).
Herrscher <-> Untergebener. Wo ein Untergebener ist, da muss auch ein Herrscher sein und umgekehrt. Macht ist die magische Kraft, mit der Macht ausgeübt wird. Alle hierarchischen Strukturen zählen dazu. Militärische Strukturen. Geschlechterbeziehungen werden primär von ihrem Zweck her verstanden. Die Erzeugung von Nachkommen zur Stärkung der Familie und des Clans sowie die Mehrung von Besitz und Macht (Zweckehe). Der Äquivalenzoperator kann auch hier angewandt werden (männlich <-> weiblich), etwa im Gegensatz zur Liebesbeziehung (mythisch), in welcher der Zweck in den Hintergrund tritt. Damit entfällt die reine Zweckhaftigkeit und Eindimensionalität. Ebenso das Besitzwesen (Besitzer <-> Besitz) wird immer mehr als der Besitz einer Elite, schließlich der Besitz eines Einzelnen, dem Herrscher verstanden. Das geht bis hin zur Leibeigenschaft. Alle diese bikonditionalen Erscheinungen zeichnen sich dadurch aus: wenn das eine da ist, muss auch das Andere da sein. Dies ist die Äußerungsform der magischen Bewusstseinsstruktur.

Das Linienhafte
Die Metapher, die "Zuschreibung", die Gebser dafür verwendet ist die Linie.

All dies entwickelte sich seit der neolithischen Revolution, bis zum Erscheinen der mythischen Bewusstseinsstruktur. Magische Relikte sind jedoch bis in die Moderne erhalten und kultiviert. Etwa im Militätwesen, in Kriegen, im Sport (Mannschaftssportarten, Zweikämpfe). Dort gibt es den Sieger und den Besiegten (Sieger <-> Besiegter).
Die Religion tritt nicht einheitlich auf, es gibt Unterschiede in der Ausprägung. Ab dem Neolithikum spiegelt auch die Religion Vorstellungen der Macht wieder (Furchtreligion)
-> Ludwig Feuerbach (Religionsformen als Marker einer Entwicklung des Bewusstseins)

Mit den griechischen Mythen und später mit dem frühen Christentum trat die mythische Bewusstseinsstruktur auf, diese werde ich an anderer Stelle beschreiben.

#5 RE: Die Vorstellungen über die steinzeitlichen Gesellschaften wandelten sich in den letzten Jahrzehnten drastisch von W.L. 22.02.2018 22:18

Ein weiterer Einwand gegen die lineare Abfolge der einzelnen Kulturstufen ist das "Buch der Hopi". Die Hopi Indianer lebten seit Jahrhunderten im Südwesten der USA. Eines ihrer Dörfer, Oraibi gilt als die älteste ständig bewohnte Siedlung der USA. Sie leben vom Maisanbau. Damit müssten sie auf dem Stand früher Sesshaftwerdung stehen. Sie lebten teilweise noch als Jäger und Sammler.

Sie haben keine Schrift, jedoch eine reiche und komplexe Überlieferung, die man als mythisch bezeichnen muss und nur mündlich weitergegeben wurde. Mythos ist jedoch eine Kulturstufe, die es bei Gebser erst viel später gegeben haben soll. Etwa In Griechenanland, Rom, Ägypten, Persien und anderen Hochkulturen, die auch eine Schrift hatten.

So gesehen muss man die Hopi als Hochkultur einstufen.

Ihren Überlieferungen zufolge lebten sie in der dritten ihrer vier Welten in großen Städten, und führten Krieg mit fliegenden Schilden gegeneinander. Da die Überlieferung der Hopi bis in die Mitte des zwanzigste Jahrhundert völlig unbekannt war und diese sich gegen jede Einmischung von außen resistent verhielt, ist nicht anzunehmen, dass diese Legenden von außen eingedrungen sein könnten. Viele der Schilderungen bleiben dann allerdings rätselhaft.

Man muss das Buch der Hopi, ähnlich den Berichten Platons ganz sicher als einen der vielen Belege für Atlantis ansehen.

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