#1 Kants Begriff von Raum und Zeit von W.L. 14.03.2018 12:02

Hans Zimmermann fasste die kantschen Aussagen zu Raum und Zeit zusammen:

Die Beweise für die transzendentale Idealität von
Raum und Zeit
in Kants Kritik der reinen Vernunft

Einleitende Voranmerkung (Hans Zimmermann) und vollständiger Text (Ausgabe B)
Anhang: Leserbrief zum SPIEGEL-Interview mit Brian Greene über die Raumzeit und den big bang

Kants Erkenntnistheorie ist auch heute noch "unerhört": Seine Beweise der transzendentalen Idealität des Raumes und der Zeit (als "reiner Anschauungsformen") sind kaum ins allgemeine Weltverständnis gedrungen; sie fordern noch immer die philosophische Durcharbeitung unserer Gesamterfahrung heraus: Ist es denn denkbar, vorstellbar, nachvollziehbar, daß all das, was uns durch die Kanäle der Sinne reizt und von uns begrifflich als "Dinge, Ereignisse, Weltzusammenhänge" interpretiert wird – daß eben all das, was wir als Wirklichkeit verstehen – uns nur räumlich erscheint, aber gar keine von uns unabhängige eigene Räumlichkeit hat? Und daß all das, was unsere Binnengespräche mit Empfindung füllt, sein zeitliches Nacheinander erst in der Selbst-Auseinandersetzung des Bewußtseins erhält, in der einen Dimension des inneren Sinns?

12koerbe.de/phosphoros/kant

Zu beachten ist, dass Kant stets von "Sinnlichkeit" die Rede ist. Damit ist gemeint, was unsere Sinne uns liefern und woraus wir dann die Welt bilden. Die Relativitätstheorie ist nicht sinnlich erfassbar und sie zählt daher auch nicht zu dem, worüber Kant etwas aussagt. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Relativitätstheorie und das vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum nicht existieren. Es bedeutet aber, dass wir uns eine andere Vorstellung davon machen müssen, was Wirklichkeit ist.
-> Realismusargumente versus Kants Kritik der reinen Vernunft
-> Die kantschen Kategorien

#2 RE: Kants Begriff von Raum und Zeit von W.L. 06.08.2018 09:43

Kant sagt über Raum und Zeit: Raum und Zeit sind reine Anschauungen a priori.
Was bedeutet
- rein,
- was ist eine Anschauung
- und was a priori ?


Bildquelle: Wikimedia, Adolf Hölzel, Abstraktion II, 1915/16. Staatsgalerie Stuttgart

Kant nannte das eine Anschauung. Etwas also, das begrifflich nicht definiert ist, in unserem Bewusstsein aber als Struktur erfasst wurde und etwa Empfindungen auslöst. ( "Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, so fern wir von demselben affiziert werden, ist Empfindung." KdV )
Siehe auch: Kant und die Neurowissenschaften

Was bedeutet a priori (Kant)
Jede Wahrnehmung wird zuerst durch die Sinnesorgane verarbeitet. Dabei entstehen Strukturen, die nicht von vorneherein das sind, was wir in ihnen sehen. Es sind zunächst bloße Strukturen, ohne Sinn und ohne Bedeutung. Ein Gewirr von Signalen. Dieses Gewirr erregt zunächst die Emotionen und diese das Vorstellungsvermögen. Nun sind wir bereits in der Innenwelt, in jenem Bereich, der von innen her kommt und Teil unseres Bewusstseins ist. Dieser gesamte Innenraum muss zuerst da sein. Das meint Kant, wenn er von "a priori" spricht. Etwas also, das vorher schon da sein muss, bevor wir überhaupt etwas wahrnehmen können. Ich nenne diese a priorische Welt Bewusstsein.

Was ist eine Anschauung (Kant)
Noch bevor unser Wahrnehmungsprozess abgeschlossen ist, erscheint eine erkennbare Struktur. Diese ist zunächst noch ohne jede Bedeutung und ohne Gegenstand. Abstrakt also. Reine Abstraktion ist ein Anschauung.
Das Wort Chalaw ist für den, der kein Hebräisch spricht, ein Wort, aber ohne jeden Sinn, eine Anschauung also. Das Bild oben, wenn wir nichts weiter darin erkennen, ist eine Anschauung.

Was ist ein Schema (Kant)
Das Vorstellungsvermögen wiederum ruft verschiedene "Schemas" auf, um das Gewirr der Sinnesreize zu decodieren. Im obigen Fall erkennen wir eine Gestalt mit einem Tierkopf. Die Gestalt und der Tierkopf sind zunächst Schema.

Zahlen sind das Schema, mit dem wir die Zeit und Kausalität erfassen.
Kant sagt nun, Zahlen seien das Schema, mit dem wir die Zeit erfassen. Das bedeutet: könnten wir nicht zählen, so könnten wir auch keine Ereignisse in eine Abfolge stellen. Es gäbe kein Vorher und kein Nachher. Kausalität ist das Gesetz von Ursache und Wirkung. Die Ursache ist immer zuerst da. Daraus folgt die Wirkung. Kausalität macht also ein Vorher und ein Nachher notwendig. Wenn wir in der Lage sind, zeitbedingte Abfolgen zu erkennen, dann können wir auch zählen. Zählen können auch manche höheren Säugetiere. Niedere Tiere leben gewissermaßen zeitlos. Für sie ereignet sich etwas völlig a kausal. Wir erkennen Kausalität, denn alles hat für uns eine Ursache. Betrachtet man den Himmel, so drehen sich die Planeten, weil es die Schwerkraft gibt. Die Gravitation ist Ursache der Planetenbewegung. Fragen wir aber danach, wann das angefangen haben mag und welcher Planet welchen zuerst angezogen und bewegt haben mag, bleibt die Antwort aus, denn die Gravitation wirkt beinahe gleichzeitig und jeder Planet zieht jeden an und die Sonne ebenfalls. Noch schwieriger, ja unmöglich ist es vorherzusagen, wann ein einzelnes Atom zerfällt. Diesen Zerfall nennen wir Radioaktivität. Die Quantenphysik hat gezeigt, dass es nicht nur schwierig ist, sondern dass wir es prinzipiell nicht können. Es gibt keine Ursache, keinen kausalen Zusammenhang, der uns sagt, wann ein einzelnes Atom zerfällt. Wir wissen heute, dass im letzten Grund der Materie keine Kausalität existiert. Sie existiert auch nicht um letzten Grund unseres Bewusstseins.
Betrachtet man aber eine große Menge an Atomen, so kann man eine Gesetzmäßigkeit erkennen, die dem Zerfall zugrunde liegt. Es ist die Halbwertszeit. Man kann eine Zeitspanne angeben, nach der die Hälfte der Atome zerfallen ist. Das zeigt, dass einzelne Atome keine Einzeldinge sind, wie etwa Kugeln, Tropfen oder etwas Ähnliches, das wir als einzeln benennen können. Das gilt für die gesamte Welt der Quantenphysik.

"Atome sind keine Dinge. Die Elektronen, welche die Schalen eines Atoms bilden, sind keine Dinge im Sinne der klassischen Physik mehr, Dinge also, die eindeutig durch Begriffe wie Lage, Geschwindigkeit, Energie und Größe beschrieben werden könnten. Auf der Ebene der Atome existiert die objektive Welt in Raum und Zeit nicht mehr, und die mathematischen Symbole der theoretischen Physik beziehen sich nur noch auf die Möglichkeiten, nicht auf die Fakten" ([url="Atome sind keine Dinge. Die Elektronen, welche die Schalen eines Atoms bilden, sind keine Dinge im Sinne der klassischen Physik mehr, Dinge also, die eindeutig durch Begriffe wie Lage, Geschwindigkeit, Energie und Größe beschrieben werden könnten. Auf der Ebene der Atome existiert die objektive Welt in Raum und Zeit nicht mehr, und die mathematischen Symbole der theoretischen Physik beziehen sich nur noch auf die Möglichkeiten, nicht auf die Fakten" (Werner Heisenberg)

"Der Strom des Wissens bewegt sich in Richtung einer nicht mechanischen Wirklichkeit; das Universum sieht allmählich immer mehr wie ein großer Gedanke als wie eine Maschine aus. Der Geist scheint nicht mehr ein zufälliger Eindringling im Reich der Materie zu sein. Wir sollten ihn eher als Herrscher dieses Reiches anerkennen"
(James Jeans, Mathematiker und Physiker)

O.a. Zitate aus: J. Steve Miller, Erkundungen der Ewigkeit, Nahtodwerfahrungen

Wir sehen heute, dass Immanuel Kant (1724 - 1804) die menschliche Wahrnehmung und das menschliche Bewusstsein adäquat zur Erkenntnis der realen äußeren Welt beschrieben hat. Letztere wurde zum Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Quantenphysik beschrieben. Beides ergänzt sich und entspricht einander auf erstaunliche Weise. Ich werde am Schluss noch einmal klärend darauf eingehen, denn zunächst drängt sich die Frage auf, was ist denn eigentlich wirklich, was die sog. äußere Welt.

Was bedeutet rein (Kant)
Wenn Kant also sagt, Raum und Zeit seien reine Anschauungen, so meint er damit, dass sie nichts anderes seien. Aber da sie nicht einfach für sich stehen, sind sie notwendig, notwendig für Erfahrungen, die wir in Raum und Zeit machen.

Raum und Zeit sind die Leinwand, auf die unser Leben projiziert wird.

Was ist Karma
Diese Aussage steht natürlich in engstem Zusammenhang mit der Projektion, mit dem Film, der aufgeführt wird. Kant nennt es "Erfahrung", ich nenne es "unser Leben". Der indischen Tradition zufolge ist das Leben, im Sinne der Erfahrungen, die ein Mensch macht, dem Gesetz des Karmas unterworfen. Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung. Diese gilt selbstverständlich innerhalb unseres Lebens. Es ist also nicht egal, was ich tue, wie ich handle, was ich empfinde, was ich will, denn dieses sind die Ursachen für die Ereignisse, die darauf und daraus folgen. Eine andere Ursache innerhalb des menschlichen Bewusstseins gibt es nicht. Kant zeigte uns klar, dass Kausalität (Ursache und Wirkung) mit dem Bewusstwerden entsteht. Wenn ich mir also der Zeit bewusst werde, wenn ich beginne zu zählen, wenn ich die Frage nach der Ursache stelle und willentlich darauf einwirke. Eine andere Kausalität existiert für mich als bewusster Mensch nicht und auch nicht im Sinne von Karma. Karma ist Sanskrit und bedeutet, das Gesetz von Ursache und Wirkung, aber es bedeutet auch Schicksal und Charakter. So wie der Charakter ist, so ist auch das Schicksal. Wie ich in den Wald des Lebens hinein rufe, so hallt es heraus.

Was ist Bewusstsein
Geben wir dem, das Kant als a priori bezeichnet den Namen Bewusstsein, ein Feld, das mich umgibt. Der Theosoph Charles W. Leadbeater zeichnet ein ganz spezifisches Bild vom Menschen. Er sah verschiedene Körper verschiedener Dichte, die den physischen Leib umgeben.

Charles W. Leadbeater: Der sichtbare und der unsichtbare Mensch

Weiterführende Hinweise: Kant und die Neurowissenschaften
Weiterführendes zu Charles Webster Leadbeater und Theosophie leadbeater.websiteportal

Die sogenannte Wirklichkeit der äußeren Welt ist eine Wirklichkeit des Bewusstseins unterschiedlicher Lebewesen. Es existiert nur Bewusstsein. Materie ist die stabilste Form von Bewusstsein, die gründet wie alles Bewusstsein im absoluten Bewusstsein, das weder Raum noch Zeit, noch Kausalität kennt, welches aber diese drei immerzu gebiert.

Die Sinnlosigkeit bloßer und zufälliger materieller Existenz entfällt durch die Dauer eines im Absoluten gründenden zeitlosen Bewusstseins. Es gibt hier nur zwei wesentliche Betrachtungsweisen. Eine Existenz, die aus dem Absoluten einmalig erscheint und endgültig verschwindet, oder die Philosophie Wiederkehr des Einzelindividuums. Die Idee von Karma bedingt eine Weiterexistenz, solange schicksalhafte Begebenheiten ungelöst verbleiben. Viele Künstler und Wissenschaftler waren vom Gedanken der Wiederkehr beseelt:

"Ich bin gewiss schon tausendmal da gewesen und hoffe, wohl noch tausendmal wiederzukommen."
J. W. v. Goethe (1749 - 1832)

"Wir kehren alle wieder, das ganze Leben hat nur den Sinn durch diese Bestimmtheit, und es ist vollkommen gleichgültig, ob wir uns in einem späteren Stadium der Wiederkunft an ein früheres Leben erinnern"
Gustav Mahler (1860 - 1910)

"Mein Dasein begann nicht, als ich geboren wurde, auch nicht, als ich gezeugt wurde. Ich wuchs und entwickelte mich durch unzählige Myriarden von Jahrtausenden"
Jack London (1876 - 1916)
Zitate aus: Verborgene Wirklichkeiten, Rainer Holbe

Weiterführende Hinweise: Klinischer Tod und Sinneswahrnehmung bei Herzstillstand

Wie das Selbst sein Gehirn steuert, John C. Eccles, (Nobellpreis 1963)

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