#1 Integrales Bewusstsein von W.L. 04.04.2018 10:00

Wikipedia hat eine breit angelegte Autorensammlung angelegt, denn "Integrales Bewusstsein" ist kein klar umrissener Begriff und wurde von verschiedenen Autoren aufgegriffen.
wiki/Integrale Theorie

Zu den Begründern des Integralen Bewusstseins zählt Wikipedia: Lessing, Hegel oder Teilhard de Chardin.

Hegel
Hegels Hauptwerk "Phänomenologie des Geistes" kann auch als integral angesehen werden. Hegel betrachtet zunächst die zeitliche und räumliche Indifferenz des Bewusstseins. Etwas in uns muss von zeitlichen und räumlichen Veränderungen unberührt bleiben, sonst wäre die Kontinuität des Bewusstseins nicht möglich. Hegel nennt dies zunächst "das Allgemeine"
Hegel zeigt dann, dass Wahrnehmung auf Antinomie gründet. Wahrnehmung vereint unvereinbare Begrifflichkeiten, etwa Einheit und Vielheit, die sich in der Wahrnehmung untrennbar aufeinander beziehen. So sehen wir etwa Salz einerseits als begriffliche Einheit. Hingegen setzt sich diese aus mehreren für sich bestehenden Eigenschaften wie kubische Kristallform, Schärfe des Geschmacks, weiße Farbe zusammen. Ohne die Vielheit der Eigenschaften kann die begriffliche Einheit nicht gebildet werden.

Hegels Weltseele
In diesem Widerspruch erkennt Hegel unser Bewusstsein als Medium, in welchem diese Widersprüche einerseits vereint, andererseits ermöglicht und dadurch notwendig überstiegen werden. Die zeitliche und räumliche Indifferenz weist dieses Bewusstsein als jenseitig, zugleich diesseitig und über beidem stehend aus. Er nennt dieses nun in Kapitel 3 seines Werks: "Weltseele". Dieser Begriff kann nun ebenso als integral angesehen werden und insofern kann Hegel als Vorreiter des integralen Bewusstseins gelten.

Jean Gebser
Gesamtausgabe
Jean Gebser entwickelt und beschreibt vier Bewusstseinsstrukturen ( siehe dort: Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser ) und verweist auf eine Fünfte, die integrale Bewusstseinsstruktur. Gebser nennt im Vorwort zur zweiten Auflage von Ursprung und Gegenwart zwei weitere Autoren, die seiner Auffassung nach integrales Bewusstsein beschrieben haben:
Sri Aurobindos Beschreibung des »supramentalen Bewusstseins«
Teilhard de Chardin und seine Werke. ( Der Punkt Omega )

Sri Aurobindo
"Was ist das Supramentale Bewusstsein ?

In seinem Hauptwerk The Life Divine, das 1939 und 1940 in Buchform herausgegeben wurde und zuerst in der Zeitschrift Arya zwischen 1914 und 1919 erschienen war, schreibt er hierzu, dass der Höchste Spirit, das satccidananda Brahmans [Sat(sein)-Chit(Bewusstsein)-Ananda(Wonne, Glückseligkeit)] eine zeit- und raumlose Seligkeit darstelle.
Der Kosmos sei jedoch eine Ausdehnung in Zeit und Raum und eine Bewegung, Ausarbeitung und Entfaltung von Beziehungen und Möglichkeiten durch Kausalität. Der wahre Name für diese Kausalität ist Göttliches Gesetz. Das Wesentliche dieses Gesetzes ist eine unbeirrbare Selbst-Entfaltung der Wahrheit der Sache, die als Idee im wahren Wesen dessen enthalten ist, was entwickelt wird. (Sri Aurobindo: The Life Divine, S. 168)
Diese Bewusste Kraft könne nicht das Mental sein, denn dieses lenke und bestimme dieses Gesetz nicht.
Außerdem muss dieser Wissens-Wille, der alles zur Entwicklung bringt, im Besitz der Einheit der Dinge sein und aus ihr deren Vielfalt manifestieren. Das Mental aber ist nicht im Besitz jener Einheit (a.a.O, S. 169)
Er führt weiter aus, dass dieses Verbindungsglied zwischen dem Unbeweglichen Höchsten Sein und dem Kosmos existieren müsse:
Wir nennen es das Supramentale oder das Wahrheitsbewusstsein, weil es ein der Mentalität übergeordnetes Prinzip ist und in der fundamentalen Wahrheit und in der Einheit der Dinge…existiert, handelt und vorwärtsgeht. Die Existenz des Supramentals ist eine logische Notwendigkeit. (a.a.O., S. 168)
Eine radikal monistische Lehre.

Die Lehre Sri Aurobindos ist monistisch. Er stimmt dabei mit den alten Lehren des Hinduismus überein, dass es ein Sein gibt, das raum- und zeitlos ist (welches Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit oder Brahman genannt wird). Er führt dann – und dies ist neu – aus, dass es ein Supramentales Bewusstsein geben muss, das von diesem stammt und in Raum und Zeit wirke. Dieses Bewusstsein habe in sich selbst drei Grundformen:
- Die erste begründet die unveränderlich Einheit der Dinge.
- Die zweite modifiziert diese Einheit, um die Manifestation der Vielen im Einen und des Einen in Vielen zu fördern und zu erhalten.
- Die dritte modifiziert es noch weiter, um die Evolution einer unterschiedlichen Individualität zu unterstützen, die in uns, durch das Wirken der Unwissenheit, auf einer niederen Ebene zur Illusion des gesonderten Ichs wird. (Sri Aurobindo: Das Göttliche Leben, Bd 1, s. 171)"

Wikipedia/Aurobindo Ghose/Was ist das Supramentale Bewusstsein ?

Ob Aurobindos Auffassung von einer die Entfaltung des Kosmos antreibenden Kraft, das nun "Supramentales" bzw. "Integrales Bewusstsein" genant wird, nicht auch in den Upanischaden beschrieben wurde, das müsste erst noch aufgezeigt werden.

Kant, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Upanishaden und Buddhismus
Wie Hegels "Phänomenologie des Geistes" und J. G. Fichtes Philosophie beschreibt auch Aurobindos "Life Divine" eine monistische Ontologie. In der Übereinstimmung mit den "alten Lehren des Hinduismus" ist der Verweis auf die Upanischaden, deren Lehren ebenfalls monistisch sind, gegeben. Kant zählt nicht zu den Philosophen, die eine solche Philosophie vertraten. Aus Sicht der Philosophie der Einheit (Monismus) aber leistete Kant wesentliche Vorarbeit. Kant verwahrte sich jedoch gegen die Auslegung durch Fichte und Hegel. Schopenhauer hingegen gründete seine Philosophie explizit auf den Buddhismus und die Hindu Upanischaden.

Besonders interessant ist Aurobindos Strukturierung des "Supramentalen Bewusstseins" in drei Grundformen, die bei Gebser nicht explizit aber implizit vorkommen. Siehe dort: ( Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser )
Aurobindos "Supramentales Bewusstsein" ist also dreifach strukturiert und entspricht Gebsers fünfter Bewusstseinsstruktur ("Integrale Struktur"). So gelangt man zunächst formal auf eine siebenfältige Struktur, wie sie auch bei Jakob Böhme und den Rosenkreuzern zu finden ist.

Auch bei Böhme gibt es einen Punkt des Umschlagens auf der vierten Stufe. An diesem Punkt ereignet sich der Wechsel von der intransparenten (im Bild links) zur transparenten Sicht (im Bild rechts). Gebser nennt dies das "Diaphane" der integralen Struktur. Und auch Gebser verweist auf die Bewusstwerdung der vorhergehenden Strukturen durch die "Integration" der vorhergehenden und die dadurch errungene Verfügbarmachung. Bei Gebser ist die fünfte, die integrale Bewusstseinsstruktur eine Einheit, während Aurobindo das Supramentale Bewusstseins dreifach strukturiert, wie etwa in folgendem Bild:



Teilhard de Chardin
Nicht nur die Lehrem Jakob Böhmes und die der Rosenkreuzer gründen auf dem Christusmythos, sondern auch die Philosophie Teilhard de Chardins, von der Gebser in der Einleitung zur zweiten Ausgabe von Ursprung und Gegenwart sagt: "Teilhard de Chardins ist katholisch, während die des vorliegenden Werkes allgemein-abendländischer Art ist. Das aber hindert nicht, dass die Ausführungen des einen die der anderen nicht nur stützen und ergänzen, sondern bestätigen."
Vorwort Ursprung und Gegenwart

Die Lehren der Rosenkreuzer wie auch die Lehre Böhmes sehen Christus als kosmische Lebensenergie (Johannes 14:6 Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben) und zentrales kosmisches Bewusstsein (Johannes 15:5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.), nicht als Person. Ebenso ist Christus eine Allegorie für die Schöpferkraft, aus welcher die Welt hervorging (Johannes 1,1 "Im Anfang war das Wort ...")

Integrales Bewusstsein als Erscheinung unserer Zeit
Die vielen Bezüge zu den älteren Philosophien und heiligen Texten, die ich oben aufgezeigt habe, erweisen das Integrale Bewusstsein als Neuauflage einer Philosophie, die zu allen Zeiten präsent war. Die Moderne, die mit der Spaltung von Mensch und Welt mit Descartes in der Philosophie einsetzte und die Gebser als mentale Bewusstseinsstruktur bezeichnet, brachte enorme Fortschritte in Wissenschaft und Technik. Sie führte den Menschen jedoch in einer Sinnkrise. Die revolutionären Umbrüche auf allen Gebieten des Lebens führten zu einer mentalen Entwurzelung. Das zeigt einerseits an, dass wir in einem Übergang leben, andererseits stellt sich die Frage, wohin dieser Übergang führt. Der bloße Begriff "Integrales Bewusstsein" entspricht den modernen Anforderungen an eine Benennung, die religiöse Verletzungen nicht erneut akut werden lässt. Ihre Inhalte aber sollen den Menschen mit den Erfordernissen der Moderne versöhnen und ihn befähigen, diese Anforderungen zu bewältigen. Die alten Philosophien und Weisheitslehren müssen neu formuliert und an die Erfordernisse einer modernen Lebensweise angepasst werden. Bleibt man an der Oberfläche, so ist dies alles lediglich neuer Wein in alten Schläuchen. Es käme darauf an, das Wesen und den Kern der alten Einheitsphilosophien neu zu entdecken und einen Weg zu finden sie als Richtschnur für die Moderne herauszuarbeiten.

Siehe auch: Bewusstseinsentwicklung nach Jean Gebser

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