#1 Hans Kayser, Wiederentdecker der Harmonik von W.L. 10.07.2016 07:05



Philosophie stammt aus dem Griechischen und bedeutet Liebe zur Weisheit. Mit dieser Worterklärung eröffnet Hans Kayser 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, sein Lehrbuch der Harmonik. Das Werk erschien 1950 im Occident Verlag, in Zürich und eröffnete meiner Auffassung nach einen neuen Weg in ein neues Zeitalter, das zwar schon um die Wende zum 20. Jahrhundert angebrochen, aber nun mit neuer Wucht hereinbrach. Hans Kayser, 1891 in Buchenau geboren, studierte Musik und Mathematik in Berlin. Er war Schüler bei Humperding und Schönberg, wechselte die Studienrichtung und promovierte 1917 beim Kunsthistoriker Hans Preuß an der Universität Erlangen[1]. Dass seine beiden anfänglichen Studienfächer Musik und Mathematik unmittelbar in die Harmonik führen, zeigt Kayser schon in den ersten Worten des Vorworts seines Lehrbuchs:

"Harmonik kommt von (griechisch) harmonisch, hat aber seine Wurzel im Verbum (griechisch) fügen, ordnen. Dies: Ordnung, gefügt aus Ton und Zahl, ausfließend in eine Harmonie der Welt (Kosmos), ist der ursprüngliche Begriff der „Harmonik“, so wie ihn Pythagoras und seine Nachfolger konzipiert haben."[2]

In diesen wenigen Worten liegt nun die ganze Harmonik vor uns. Das griechische Wort Kosmos, bedeutete ursprünglich, die Ordnung der Welt. Es bedeutete aber auch Schmuck und Glanz.

Kayser verweist darauf, dass mit seiner „Harmonik“ nicht die Harmonienlehre der Musik gemeint ist. Damit schafft Kayser Verwirrung, die noch heute anhält. Schlägt man nämlich ein Lexikon auf oder sieht bei Wikipedia nach, so stößt man zunächst auf die Harmonienlehre. Elementare Begriffe der Harmonienlehre sind jedoch nur einer der Bestandteile der Harmonik. Verwirrung tritt immer dann auf, wenn Begriff und Bedeutung nicht übereinstimmen. Die Frage ist nun, ist unser heutiger lexikalischer Begriff von Harmonik wirr, oder ist es der der Harmoniker. Unter „Harmonik“ lesen bei Wikipedia schon im zweiten Absatz:

"In der Antike deckt sich die Harmonik ganz mit der Theorie der Tonsysteme (siehe Philolaos und Aristoxenos). Seit der Entwicklung der mehrstimmigen Musik engte sich die Bedeutung der Harmonik mehr und mehr auf den gleichzeitigen Zusammenklang verschiedener Stimmen ein."[3]

Verfolgt man die Quelle weiter, so erfährt man dass der antike griechische Philosoph Philolaos (470-399 v. Chr), ein Schüler des Pythagoras war.[4]Philolaos kannte das, was Hans Kayser für das 20. Und 21. Jahrhundert wieder erschlossen hatte sehr genau, nämlich die Harmonik, die durch Phythagoras zusammengetragen und systematisch entwickelt wurde. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass diese Lehre durch den Philosophen und Hierophanten von Samos vollkommen neu erfunden wurde.

Pythagoras unternahm zahlreiche Reisen, darunter ist auch ein zwanzig Jahre dauernder Aufenthalt in Ägypten überliefert, von denen im Platondialog Timaios gesagt wird, die Griechen blieben im Vergleich zu ihnen immer Kinder. Wissen können wir es jedoch nicht. Pythagoras hat, wie Jesus, nie selbst etwas geschrieben und der Bund der Pythagoreer unterlag der Geheimhaltung. Es ist jedoch vieles überliefert:

"Von den Ägyptern, heißt es weiter, habe sich Pythagoras auch seine geometrische Kompetenz erworben, während die Phönizier seine Lehrmeister in der Arithmetik und die Chaldäer in der Astronomie gewesen seien (Porhpyrios). Auch die Juden werden bereits im 3. Jahrhundert v. chr. Als Lehrmeister genannt (Hermippos). Laut dem Romanschriftsteller Antonius Diogenes (2. Jh. N. Chr. ?) soll Pythagoras die kunst der Traumdeutung von ihnen gelernt haben (Posphyrios). Philostrat erwähnt mit den Ägyptern zusammen die indischen Weisen (VApoll. 8,7, p. 320 Kayser), und bei Jamblich wird die Reihe schließlich auch noch um Kelten und Iberer erweitert."[5]

Hans Kayser gründet also seine Harmonik richtigerweise auf Pythagoras von Samos, dessen Grundidee war:

Das gesamte Weltall ist Harmonie und Zahl[6]

Die Pythagoreer waren davon überzeugt, dass die Welt auf ganz Zahlen gründete. Sie sahen diese als „das Erste aller seienden Dinge“ an und es lag für sie auf der Hand, dass „deren Elemente die Anfänge der Welt und aller darin enthaltenen Dinge sind“.[7] Diese Überzeugung wurde bis in unsere Tage als eine naive Sicht der Welt bezeichnet.

Zum Beginn des 20. Jahrhunderts bekam die pythagoreische Weltsicht eine überraschende Bestätigung. Wenige Tage vor der Wende zum 20. Jahrhundert, am 14. Dezember 1899, präsentierte Max Planck der physikalischen Gesellschaft eine Gleichung, welche die Strahlung schwarzer Körper korrekt beschrieb.[8] Planck löste damit ein Problem, von dem man glaubte, es sei nur der Schlussstein einer physikalischen Welt, welche den Kosmos als eine bloße mechanische Uhr erklären konnte. Planck verwendet eine Hilfsgröße, die fortan als plancksches Wirkungsquantum genannt wurde. Planck glaubte zunächst, die von ihm eingeführte Hilfsgröße werde man eines Tages ersetzen und somit beseitigen können. In den zwanziger Jahren entwickelte die Quantenphysik die Dominanz, die sie bis heute besitzt.

Heisenberg schreibt angesichts dieser neuen Physik:
"… Seit der berühmten Arbeit von Planck aus dem Jahre 1900 nannte man solche Forderungen Quantenbedingungen. Und diese Bedingungen brachten eben jenes merkwürdige Element von Zahlenmystik in die Atomphysik, von dem vorher schon die Rede war. Gewisse aus der Bahn zu berechnende Größen sollten ganzzahlige Vielfache einer Grundeinheit, nämlich des planckschen Wirkungsquantums sein. Solche Regeln erinnerten an die Beobachtungen der alten Pythagoreer, nach denen zwei schwingende Saiten dann harmonisch zusammenklingen, wenn bei gleicher Spannung ihre Längen in einem ganzzahligen Verhältnis stehen."[9]

John Barrow schreibt in "Die Natur der Natur":
"Die Quantisierung der Energieniveaus bewirkt auch die Gleichförmigkeit der Natur."[10]

Das Monochord ist auch für die Harmoniker der Moderne ein immer wieder genutztes Instrument, um Intervalle, die wir nur noch in temperierter Stimmung, etwa vom Klavier her kennen, reintönig zu stimmen und anzuhören. Es dient der „Akroasis“, was so viel wie Anhörung bedeutet. Akroasis besitzt jedoch noch einen tieferen Sinn. Es geht in der Akroasis um Kontemplation.

________________________________________
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kayser
[2] Kayser, Hans, Lehrbuch der Harmonik, Occident Verl., Zürich, 1950, S.IX
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Harmonik
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Philolaos
[5] Riedweg, Christoph; Pythagoras, C.H.Beck, München, 2002, S. 21
[6] Aristoteles, Metaphysik I.Buch, zitirt in Hans Kayser, Lehrbuch der Harmonik, S. XXI.
[7] O.a.a., S.113
[8]https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Planck#Strahlungsgesetz_und_Quantentheorie.2C_Relativit.C3.A4tstheorie
[9] Heisenberg, Werner; Der Teil und das Ganze, Piper, München, 8.Aufl., 2010, S.47
[10] Barrow, John D.; Die ‚Natur der Natur, Rohwolt 1996, S.223

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